Was nichts kostet, ist auch nichts.

Der Mensch ist von Natur aus skeptisch, wenn er etwas ohne Gegenleistung bekommt „Wie bitte? Ich kriege etwas geschenkt? Die Sache MUSS einen Haken haben. Ist es kaputt? Illegal? Schließe ich damit ein Abo ab oder kaufe eine Waschmaschine? DA STIMMT DOCH WAS NICHT!“

Anders ist es, wenn kreative Berufe im Spiel sind. Erste Entwürfe zu erstellen ist schließlich keine Arbeit. Ein Grundkonzept? Das schreibt man doch mal eben unter der Dusche zusammen. Wer sich weigert, an einem unbezahlten Pitch teilzunehmen oder zumindest eine kostenlose Arbeitsprobe abzuliefern, hält sich wohl für etwas besseres. Aber geht mal in drei Schneidereien, lasst jeweils eine Hose umnähen und bezahlt am Ende nur den Besten. Oder den Günstigsten. Die Entscheidung liegt schließlich bei euch. Aber genau das wird niemand machen. Oder erklärt eurem Apotheker mal, dass ihr das Medikament erst dann bezahlt, wenn der Schnupfen wirklich weg ist. Meiner würde sicherlich seinen Terrier auf mich hetzen.

Außer natürlich, man ist auf der Suche nach einer neuen Web-/Kreativ-/Werbeagentur. Natürlich muss man vorher austesten, ob man mit seinen Vorstellungen ungefähr auf einem Nenner ist. Aber auch das sollte im Budget mit einkalkuliert sein. Leider haben das meine Vorgesetzten bisher nie so gesehen und auch mein neuer Arbeitgeber ist Fan von Plattformen wie 99designs und DesignCrowd, wo Grafiker online darum buhlen, wer das beste Design zum günstigsten Preis abliefern darf. An dieser Stelle haben Handwerker MyHammer damals einen Vogel gezeigt, kreative Köpfe spielen jedoch seltsamerweise mit.

Bielefeld scheint dafür ein sehr guter Nährboden zu sein. Da pitcht ein Verein für „Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“ unbezahlt Agenturen für ein neues Corporate Design. Weil Geld nicht alles ist. Schon klar. Universität und FH haben es da einfacher, denn die können einfach auf das freiwillige Engagement ihrer Studierenden vertrauen. Es macht sich später ja auch mal gut im Portfolio und so eine tolle Referenz ist auf lange Sicht eh wichtiger als eine gescheite Bezahlung. Werdet ihr schon noch merken.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Mir wurde dieses kleine, feine Filmchen in meine Facebook-Timeline gepostet. Es passt wunderbar zu einem der besten Dialoge auf Clients from Hell. The Client: “You’re a freelancer!” – “And…” – “Well, you work for free! If you were supposed to be paid, you’d be called a paidlancer or something!”

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Ein wirklich tolles Rezept, aber…

Was auf Facebook „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ ist, das ist auf Chefkoch.de „Ein super leckeres Rezept, aber…“. Jetzt ist Vorsicht geboten. Ich weiß, man soll keine Kommentare lesen. Auf keinen Fall jemals irgendwo. Aus, pfui, Finger weg. In den Kommentarspalten darf sich jeder austoben, der in seinem Leben noch nie etwas geschafft hat und auch nie etwas eigenes zustande bringen wird. Außer vielleicht Kind Nummer 5. Ronny-Pascal oder Cheyenne-Priscilla. Irgendetwas typisch deutsches halt.

Aber ich schweife ab. Ich weiß auch schon gar nicht, wie ich von Schweinespeck auf Nazi kam… Ist ja auch egal. Jedenfalls bekenne ich mich nun öffentlich dazu, gelegentlich nach Rezept zu kochen und (Obacht!) ich überfliege auch noch die Meinungen anderer Nutzer. Das macht hin und wieder auch durchaus Sinn und liefert Antworten auf Fragen, wie: Woran erkenne ich die ideale Backzeit? Nehme ich lieber die gekringelten Nudeln oder die mit dem Loch drin? Was mache ich, wenn der Supermarkt meines Vertrauens gerade keine Dracheneier mehr auf Lager hat? Sowas halt.

Ich finde es gut, wenn ich aus den Kommentaren lerne, dass man für ein Risotto auch ruhig Milchreis nehmen kann. Oder dass man in Ermangelung einer Rinderschulter das Ragout auch aus Beinscheiben kochen kann. Das hat mir schon so manche Supermarktodyssee am Wochenende erspart. Aber wenn dann jemand anfängt, ein Gericht komplett auseinanderzunehmen, dann werde ich rasend. Vor allem dann, wenn im Einleitungssatz erst einmal die supertolle Zusammenstellung der einzelnen Komponenten gelobt wird.

Nehmen wir einmal das Rezept „Dicke Bohnen mit Speck – so machte sie meine Oma“. Oma Else macht die Bohnen bestimmt schon seit 1947 so, nachdem ihr das erste Mal nach dem Krieg ein ahnungsloses Schwein munter in der Arme galoppiert war. Es starb nicht umsonst. Dank Bohnen, Sahne und natürlich ordentlich Speck kriegte die Familie endlich mal wieder selbigen auf die Rippen. Wie es sich gehört in ordentlich Öl angebraten. Mein Magen knurrt schon wieder.

Nun kommt Chefkoch.de-Nutzerin Dingenskirchen. Community-Mitglied seit acht Jahren, ebenso lange auf Diät und abgenommen haben bisher nur Mann und Hund. Alba-Öl mit Buttergeschmack mag noch ganz lecker sein, aber wenn Speck und Sahne durch Vegeta ersetzt werden, weil die Sache ja sonst nach gar nichts mehr schmeckt, darf man sich schon mal am Kopf kratzen. Nein, mit Vegeta meint sie nicht der Typen aus Dragonball, sondern den kleine Bruder vom Fondor. So gesund wie eine frische Pilzpfanne aus Tschernobyl.

Versteht mich nicht falsch, bin gehöre auch zu den Vollidioten, die gerne mal aus Überzeugung zur leichten Alternative greifen und sich statt den guten Vollmilch sogar das weiß gefärbte Wasser in den Kaffee schütten. Aber wenn jemand schreibt „Was für ein tolles Rezept für Rinderbraten mit Klößen und Rotkohl! Ich habe es mit Hähnchen, Pasta und Brokkoli gemacht und mein Göga war begeistert!“, dann muss man sich schon ernsthaft fragen, wie oft diese Person ihrer Mutter damals vom Wickeltisch gefallen ist. Kinners, wenn ihr nichts gescheites zu sagen habt, dann schafft euch so eine Bloggeschichte an.

Ich werde mir jetzt zuhause ein schönes Stück Erdbeerkuchen mit Sahne gönnen. Ok, ohne den Kuchen und die Erdbeeren und eigentlich gibts ein feines Leberpfännchen mit Spätzle. Aber ein Schuss Sahne ist da auch bei. Tolles Rezept, gerne wieder.

Seid spendabel.

Über die letzten Wochen konnte ich dabei zusehen, wie Freunde und Bekannte haufenweise Spielzeug, Klamotten und Haushaltszubehör in die Bielefelder Flüchtlingsunterkünfte schafften. Danke euch! Mittlerweile ist der Hype zwar etwas abgeflacht, aber da wird sicher noch mal einiges nachkommen. Jedoch nicht von mir, das gebe ich jetzt hier ganz offen zu. Ich besitze nur zwei Winterjacken, acht Teller und drei Töpfe und auch mein Kontostand lässt leider eher selten eine gute Tat zu. Mein Gewissen beschwert sich da auch lautstark, aber aktuell ist bei mir wirklich nichts zu holen.

Allerdings ich bin anders spendabel. Als ich an meinem 18. Geburtstag meinen Führerschein in die Hand nahm, unterschrieb ich kurz danach auch direkt meinen ersten Organspendeausweis. Schließlich wollte ich von diesem Tag an fast täglich mit dem Motorrad durch die Sauerländer Berge brettern und falls ich dann mal in irgendeiner Leitplanke hängen bleibe, sollte davon wenigstens irgendjemand profitieren. Für mich ist dieser Ausweis eine Selbstverständlichkeit. Kein Arzt wird dir schneller der Saft abdrehen, nur weil du Organspender bist. Kein Käfer wird sich nach deinem Tod beschweren, dass er nicht mehr an deiner Leber naschen darf. Falls also tatsächlich nach meinem Ableben noch irgendwer Verwendung für mein Innenleben hat: Hier Selbstbedienung.

Das kleine Kärtchen gibt es übrigens online (u.a. unter www.organspende-info.de). Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In der Uni Bielefeld lag zu meiner Zeit auch immer ein Stapel auf der Flur vor dem Studio von Radio Hertz aus. Die Sache ist nicht bindend, wer irgendwann Muffensausen bekommt, nimmt die Erklärung einfach wieder aus seinem Portemonnaie heraus und darf danach in Ruhe einen vollkommen sinnlosen Tod sterben.

Natürlich kann man auch schon zu Lebzeiten sinnvolle Dinge mit seinem organischen Material anstellen. Beispielsweise sich als Stammzellenspender bei der DKMS registrieren lassen. Ich bin mittlerweile seit zehn Jahren in der Kartei, damals gab es eine große Typisierungsaktion im Nachbarort. Bislang wurde ich noch nicht gebraucht, aber falls ich irgendwann mal etwas gegen die große Arschlochkrankheit Krebs machen kann, dann tue ich das doch gerne. In 80% der Fälle reicht mittlerweile übrigens eine Stammzellenspende über das Blut, die operative Entnahme von Knochenmark ist relativ selten geworden. Ach ja: Fortschritt und Aufklärung sei Dank dürfen seit Dezember 2014 sogar Homosexuelle in die Kartei aufgenommen werden.

Fehlt nur noch, dass es bei den Blutspendediensten nun auch endlich Klick macht.

Ode an die Armbanduhr.

Tick, tock, goes the clock, she cradled and she rocked her.
Tick, tock, goes the clock, even for Miss Cover…

Seit Samstag steht meine Armbanduhr mal wieder bzw. sie liegt nun nutzlos im Bad herum und es macht mich gelinde gesagt wahnsinnig. Die Uhr ist bestimmt schon vierzehn Jahre alt, hat dieses Jahr schon das dritte Paar Batterien gefressen und wahrscheinlich sollte ich sie langsam mal in Rente schicken. Also muss dringend eine neue Uhr her, denn ohne kann ich nicht. Wer mich kennt, den mag das wundern. Gefühlt habe ich schließlich sowieso ständig mein Handy in der Hand. In der Realität aber nicht.

Spielen wir einmal meinen Tag durch. Ich werde wach, gucke aufs Handy und stelle fest, dass ich wie üblich verschlafen habe. Ich eile ins Bad. Im Bad liegt die Armbanduhr über dem Waschbecken und zeigt mahnend und unerbittlich die Uhrzeit an. Das Handy müsste ich jedes Mal in die Hand nehmen, den Bildschirm aktivieren und danach die drei Schichten Zahnpasta-Makeup-Lidschatten wieder abwischen. Mal abgesehen davon, dass auf der Ablage sowieso jeder Zentimeter belegt ist und das Handy wahrscheinlich auf dem Spülkasten liegen müsste. Nicht ganz ungefährlich.

Ich flitze nun also zur Bahn, noch später als sonst, weil ich die Zeit nicht im Blick hatte. Draußen sind es 7 Grad, weshalb ich als Frau natürlich mindestens fünf Schichten Kleidung trage und ganz unter drunter ist das Handy. In der Hosentasche, an das kurze Kopfhörerkabel gekettet und gut verpackt. Um im Gehen einen Blick darauf zu werfen, stranguliere ich mich also beinahe, lege kurzzeitig meine Nieren frei und lasse das Gerät mit kalten Fingern wahrscheinlich auch noch fast fallen. Für den Blick auf die Armbanduhr reicht ein kurzer Griff an den Ärmel.

Weiter gehts. Irgendwie habe ich es gerade noch rechtzeitig ins Meeting geschafft. Weil es total schnell gehen musste, sitze ich dort ohne Kaffee und somit auf heißen Kohlen. Das Handy liegt aus Höflichkeit am Platz, es steht kein Laptopbildschirm im Sichtfeld und die Armbanduhr tragenden Herren verdecken diese im Herbst natürlich geschickt mit ihren Hemdärmeln. Nach der Uhrzeit zu fragen, geht auch nicht, denn dann wird einem sofort fehlende Motivation unterstellt. Trüge ich eine Armbanduhr, könnte ich ein nachdenkliches Am-Kopf-Kratzen imitieren und dabei einen verstohlenen Blick riskieren. Plötzlich kommen mir 30 Minuten wie eine Ewigkeit vor, schließlich könnte ja auch tatsächlich schon eine solche vergangen sein.

11 Uhr morgens und die fehlende Armbanduhr hat mich bereits mindestens dreimal an diesem Tag verrückt gemacht. Es mag die Gewohnheit sein, wenn man seine allererste Uhr bereits im Kindergarten bekam und seitdem nie ohne das Haus verlassen hat. Das war damals so eine richtig coole erste Uhr mit Flik und Flak als Zeigern. Keine Sorge, die gibt es nicht in meiner Größe. Aber auch wenn ich damit total old school klinge, mein Handy wird zwar über kurz oder lang den kompletten Jackentascheninhalt bis auf die Tempos ersetzen, aber meine Armbanduhr, die bleibt.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.

Wahrscheinlich hat das Marie Antoinette niemals wirklich so gesagt, aber wen interessiert das schon im Internet. Fast 250 Jahre später hat sich dieser Spruch aber offensichtlich als das gemeinsame Motto vieler Büros manifestiert. Wie die Bienen stürzen sich Mittvierzigerinnen schon morgens um 10 auf die Schwarzwälder Kirschtorte einer Osnabrücker Konditorei, auf Bienenstich und Donauwelle. Selbst die staubtrockenen Fertigmuffins des hiesigen Backmischungsproduzenten werden in einer Geschwindigkeit verschlungen, bei der sogar ein Labrador-Beagle-Mischling kurz bewundernd innehalten würde.

„Ich mag keinen Kuchen.“ Wahrscheinlich würden die Kollegen nicht weniger entsetzt gucken, wenn ich ihnen gestanden hätte, nach Feierabend ihre Tastatur abgeleckt zu haben. Während Vegetarier im Büro mittlerweile stillschweigend geduldet werden (schließlich essen sie kommentarlos jedes süße Backwerk und selbst unter der Schnittchenplatte wird schon irgendwo ein Käsebrot vergraben sein), stehen Kuchenverächter auf einer Stufe mit Veganern. Was macht man mit denen?

Dass es für mich vielleicht vollkommen ok ist, morgens um 10 mit einer Tasse Kaffee in der Hand danebenzustehen, entzieht sich dem Vorstellungsvermögen. Ob man denn auf Diät sei? Ja, seit 15 Jahren, aber das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Darüber mache ich mir beim Kneipenbesuch schließlich auch keine Gedanken. Oder wenn ich fingerdick den Käse aufs Brot lege. Das wäre alles eine Frage der Planung. Ich mag auch hin und wieder mal 1-2 Kekse, Schokomuffins und sogar den Marmorkuchen meiner Mutter. Aber 98% dieser Backkreationen halt nicht. Wirklich nicht.

Dabei backe ich fast genauso gerne, wie ich koche. Ich finde es total entspannend und liebe es, im Vorfeld stundenlang nach dem besten Rezept zu suchen. Was mir nach Auskunft meiner Versuchsopfer wohl auch immer gelingt. Kuchen, Torten, Kekse, Studel… alles kein Hexenwerk. Wenn danach noch jemand jedes Mal meine Küche für mich kernsanieren würde, wäre es perfekt. Freiwillige bitte vor. Naja, Heidelbeerflecken an der Decke sind doch irgendwie auch ganz chic.

Geburtstage sind fürn Arsch.

Ich bin schon undankbar. Während das Handy im Wechsel grün, rot und blau blinkt, Menschen versuchen mich anzurufen und mir einfach nur gratulieren wollen, sitze ich zusammengekauert auf dem Sofa und schreibe einen Blogeintrag, wie furchtbar das doch alles ist.

Früher konnte man sich noch weitestgehend unbemerkt durch den Tag mogeln. Die besten Freunde wünschten einem unauffällig alles Liebe, das war gut und damit hatte sich die Sache. Heute weiß dank Social Media jeder sofort, wann man sich mal wieder eine besonders kreative Umschreibung für „Glückwunsch!“ ausdenken muss. Der Tag hat wunderschön zu werden, man solle ihn genießen und so weiter und so fort. Jetzt mal ehrlich: Ist das bei euch wirklich so?

Ich habe heute ausnahmsweise mal an meinem Geburtstag frei. Und das eigentlich auch nur, weil ich Resturlaub loswerden muss. Denn anders als vor zwanzig Jahren kommt niemand zum Topfschlagen, dem Schokoladenwettessen oder der Schnitzeljagd vorbei. Dafür stehen aber auch keine Verwandten auf der Matte. Wenn ich so darüber nachdenke, ist das eigentlich ganz gut. Ok, damals waren wenigstens die Geschenke ganz geil. Aber was bringt einem das neue Fahrrad, wenn man eh zuhause bleiben muss, weil „Omma und Oppa gleich bestimmt noch anrufen“? Voll unfair.

Morgen wären da dann noch die Kollegen auf der Arbeit. Wo man sich wieder völlig irritiert gegenüber steht und nicht weiß, ob man sich umarmen muss oder doch einfach nur die Hand geben darf. Wahrscheinlich werde ich aber sowieso aus der Stadt gejagt, weil ich es nicht einsehe, in einer Woche zweimal Frühstück mitzubringen. Ganz genau, richtig gehört: Ich wäre für das leibliche Wohl der anderen zuständig. Da hat man Geburtstag, soll sich ausdrücklichst erholen, Carpe diem und so… und nebenher noch zwei Kuchen und einen Schnittchen für zwanzig Mann machen.

Und der wichtigste Punkt: Ich stehe schlicht und einfach ungerne im Mittelpunkt. Morgen will dann auch wieder jeder Wissen, was ich heute so getrieben habe. Nunja: Es ist nach 19 Uhr, ich trug heute noch keine Hose und ich habe nicht vor, daran noch etwas zu ändern. Vielleicht überlege ich mir dafür noch schnell zwanzig verschiedene Geschichten, vom Baggerfahrerführerschein bis zum Wildwasserrafting auf der Ems.

Jetzt dürft ihr mich alle hassen. Müsst ihr aber nicht.

Das Zeitalter der Internetrentner.

Früher traf man Rentner vor Ententeichen, an Supermarktkassen und beim Verfassen von Leserbriefen. Heute füttern sie das Internet mit ihrer Meinung, bestellen in Onlineshops via Postkarte und schreiben ihre Beschwerden direkt auf die Pinnwände der Lokalblättchen. Doch auch da mag es unterschiedliche Nutzertypen geben und seitdem meine eigenen Eltern unter die Rentner gegangen sind, eignen diese sich ganz hervorragend als Beobachtungsobjekte.

Mein Vater, Jahrgang ’49, ist durch und durch der pragmatische Nutzertyp. Fünf Kontakte im Handy (einer davon – und dennoch nie auffindbar – die eigene Nummer) und ständig ist das Gerät verbummelt. Früher hatte er sogar eine Textvorlage für seine Antwort-SMS mit einem simplen „OK.“. Ich wüsste nicht, dass er mir jemals etwas anderes geschrieben hätte. Fand ich als Teenie auch äußerst praktisch, schließlich hat er so nie widersprochen. Der PC wird nur im äußersten Notfall eingeschaltet und wenn er dann keine Office-Anwendung öffnet, ist er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der Suche nach einem Routenplaner. Dessen Anweisungen er natürlich handschriftlich notiert und prinzipiell anzweifelt.

Meine Mutter, Jahrgang ’57, ist da das komplette Gegenteil. Seitdem sie 1999 ihr erstes Siemens C25 in Händen hielt, wird alles aus den Geräten herausgeholt. Also alles, was Spaß macht, laut ist und möglichst vielen Mitmenschen auf die Nerven fällt. Lustige Klingeltöne, Spiele aller Art und über die schlimmsten TV-Formate der Privatsender tauscht sie sich parallel mit einem ehemaligen Kollegen via SMS aus.

Ihre Internetkarriere begann als sie neugierig meine eBay-Aktivitäten beäugte. Seitdem wird bei jedem Utensil genauestens recherchiert, ob es das dort nicht vielleicht doch noch mal günstiger gibt. Irgendwo muss da ein Schotte in den Genen versteckt sein. Oder ein Schwabe. Jedenfalls habe ich irgendwann nachgegeben und ihr meinen Account aus frühen Teenagertagen vererbt, den ich anlegte, als im Hintergrund „Mr. Sexpistols“ von den Ärzten lief. Seitdem ist die endfünfziger Frührentnerin dort als ladypunk unterwegs. Und das ist ja auch irgendwie Punk.

Den aktuellen Höhepunkt erreichte die Sache mit der Anschaffung des ersten eigenen Smartphones vor einem Jahr. Die Anschaffung wurde natürlich exakt mit meinem Heimaturlaub abgestimmt, damit es mir übers Wochenende bloß nicht langweilig wird. An diesem Tag wurde ich – das Reisegepäck noch in der Hand – mit „Hier ist das Ding und nun installier mir da mal dieses WhatsApp drauf“ begrüßt. Ja, sie liebt mich wohl. Nach anfänglicher Panik kann ich sagen, dass mir so bislang rund 37 Kontrollanrufe erspart geblieben sind. Ein Hoch auf das Smartphone! Und wenn sie mich bei Facebook weiterhin so interessiert verfolgt, bekomme ich vielleicht sogar zu Weihnachten den gewünschten Entzug in der Betty-Ford-Klinik spendiert.

Ich bin gespannt, wie das bei mir in einigen Jahren aussehen wird. Wenn die Bielefelder Twitteria erst einmal einen kompletten Straßenzug im Westen eingenommen hat, um dort von Montag bis Samstag im Schichtbetrieb zu fensterrentnern. Unfälle landen dann live auf dem aktuell hippen Videoportal und jeder witzige Gedanke wird in Echtzeit über unsere Hirnströme gebloggt, getwittert und verfacebookt. Mit Foto, Link und Personenmarkierung. Tinder braucht dann auch kein Mensch mehr, schließlich gibt es ja die alten Besserwisser aus der Stapenhorststraße, die ganz genau wissen, wer zu wem am besten passt. Und das eisgekühlte Bier wird per Drohne direkt bis zum Rollator geliefert. So wärs perfekt.

Flieht, ihr Narren.

Bielefeld entwickelt sich zu einer Medienstadt. Mit Uni und FH Bielefeld, der FH des Mittelstands und der Hochschule OWL nur drei Käffer weiter sollte es hier eigentlich reichlich Nachwuchskräfte für eine Marketingstelle geben. Dennoch sind Abteilungsleitung und Personalbetreuung seit zwei Monaten vergeblich auf der Suche und haben zuletzt drei Absagen in Reihe kassiert. Allesamt akzeptable Kandidaten, aber kein besonderes Highlight. Durchschnitt für eine durchnittliche Firma. Aber wieso will es einfach nicht klappen?

Vielleicht liegt es daran, dass die Verbreitung der Stellenausschreibung von zwei Personen koordiniert sind, die zuletzt im vergangenen Jahrtausend auf Jobsuche waren. Zur Verdeutlichung: Das war vor 9/11, vor der Euroeinführung und bevor Scary Movie 1 in den Kinos anlief. Damals gab es halt nicht so viel Internet. Deshalb werden hier noch immer sämtliche Ausschreibungen ausschließlich über das Arbeitsa… Entschuldigung… über die Agentur für Arbeit online gestellt. Bekanntlich nicht die erste Anlaufstelle für junge, webaffine, kreative Arbeitskräfte mit einem Intellekt über dem des gemeinen Pegida-Anhängers.

28167-fly-you-foolsBöse Zungen behaupteten schon, dass ich dahinter stecke. Zugegeben, ich habe das ein oder andere Mal gescherzt, ich würde potentielle Bewerber heimlich warnen. Ihnen Zettelchen mit Warnhinweisen zustecken, SOS mit der Taschenlampe durch die Glasscheibe funken oder nachts einen Pferdekopf ins Bett legen.

Aber das wäre ja völliger Blödsinn, soll doch jeder für sich selbst herausfinden, wie gut er in diesen Laden passt. Schließlich halten es zahlreiche Kollegen schon seit Jahrzehnten hier aus. Ja, ich bin auch immer wieder aufs Neue darüber entsetzt. Man verdient mehr als in den meisten Agenturen in der Gegend, hat halbwegs geregelte Arbeitszeiten und Weihnachtsgeld gibts auch noch, wenn man artig war.

Aber irgendwas scheint die Bewerber dennoch abzuschrecken, selbst wenn sie zufällig über die Stellenanzeige gestolpfert sind und den Weg ins Bielefelder Outback gefunden haben. Ob es an den leeren, hoffnungslosen Augen liegt, die jeden Neuankömmling ängstlich mustern? Das würde zumindest erklären, weshalb ich demnächst nicht mehr am Eingang sitzen darf, sondern einen Platz hinter zwei Regalreihen bekomme.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.