Erst mal hupen.

Nein, sorry Jungs, es geht nicht um Brüste. Vielleicht ein anderes Mal.

Es geht um die Einrichtung für Schallzeichen, die man an Kraftfahrzeugen über 50ccm findet. Die dafür da ist, in Gefahrensituationen auf sich aufmerksam zu machen. Beispielsweise wenn vor einem plötzlich jemand auf die Idee kommt, seine Picknickdecke mitten auf der Fahrbahn auszubreiten und man mit seinem Auto / Motorrad / LKW / Panzer angerollt kommt. Dann darf man hupen. Und bis zur Erfindung von WhatsApp natürlich auch um seinen Freunden mitzuteilen: „Ey Mädel, ich stehe jetzt vor deinem Haus, mach hinne, ich will los.“

Nun, in Bielefeld scheint es anders gelehrt zu werden. Ich wohne nicht zum ersten Mal an einer dicht befahrenen Kreuzung, aber ich habe außerhalb Italiens noch nie so ein hupfreudiges Volk wie den Ostwestfalen erlebt. (Just in diesem Moment fährt übrigens eine Hochzeitsgesellschaft vorbei. Möp möp möp mööööp.) Die Beweggründe fürs Hupen sind offenbar vielzählig. Vor mir lässt jemand vor dem Abbiegen einen Fußgänger durch? Erst mal hupen. Die Ampel ist bereits seit 2 Sekunden grün und mein Vordermann noch nicht drüber? Erst mal hupen. Da möchte jemand auf den Schienen wenden und dabei nicht von der Straßenbahn überrollt werden? Erst mal hupen. Die Sonne blendet mich? Erst mal hupen.

Zu absolut jeder Tages- und Nachtzeit. Dienstagabend, halb 12, es sind ungefähr drei Autos in ganz Bielefeld-Mitte unterwegs. Und dennoch findet immer irgendeine Nulpe einen Grund, sein Signalhorn ertönen zu lassen. Vielleicht hat ihm ein umherfliegendes Blatt die Vorfahrt genommen. Vielleicht hat auch ein Satellit über ihm geblinkt, ohne danach abzubiegen. Man weiß es nicht. Ich hoffe dann immer für den Fahrer, dass es ein wirklich guter Grund war. Denn „Huch, ein Wohngebiet mitten in der Nacht? Erst mal hupen.“ ist arschig.

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Ei, Ei, Ei…

Gerade am Ende eines Telefonats mit einem mir bis dato völlig fremden Vertriebler:

„Frohe Ostern. Freuen Sie sich schon auf’s Eierverstecken?“

„Ja, sehr.“

„Das ist schön. Für Ihre Kinder? Sie haben doch bestimmt Kinder.“

„Nein.“

„Ach, für den Liebsten?“

„Nein. Für mich.“

„Wie?“

„Naja, ich verstecke die morgens um 6. Da kann ich mir eh noch nichts merken*. Danach werde ich mich noch mal 4-5 Stunden hinlegen und irgendwann mittags mein Osterkörbchen mit lauter Überraschungen füllen.“

*bin ich hoffentlich noch betrunken

„Oh… äh… das klingt schön. Viel Spaß dabei.“

Unterschwelliges, unangebrachtes Mitleid. Nicht schwingt schöner mit und beschleunigt so sehr meinen Reflex, den Telefonhörer mit Schmackes auf die Gabel zu knallen. Ich werde den Ostersonntag auf dem Sofa verbringen, Schokoladeneier inhalieren und niemand kann mich davon abhalten. Kein Freund, dessen Eltern spontan zum Mittagessen einladen. Oder noch schlimmer: Spontan vorbeikommen („Ist 11:30 Uhr ok für euch? Wir haben die Jacken schon an.“). Meinen Kindern werde ich später eventuell erzählen, dass sie an Ostern die Süßigkeiten verstecken müssen und Mami sie suchen darf. Und behalten. So ist der Plan.

Vielleicht blogge ich hier in zehn Jahren aber auch über meine beiden kleinen Stöpsel, die den Schoko-Osterhasen bis zu den Ohren im Gesicht verteilt haben (so wie Mami wahrscheinlich auch). Vielleicht bin ich dann gerade auf dem Sprung zum Osterbrunch bei einer anderen Familie mit zwei weiteren kleinen Stöpseln, noch mehr Kalorien auf dem Tisch und Deko-Eiern im Vorgarten. Spießer-Anna Galore. Vielleicht. Vielleicht stolpere ich aber auch in zehn Jahren noch am Osterwochenende nachts aus der Kneipe, in der ich mal wieder einen wunderbaren Abend mit der Nicht-Familie verbracht habe.

Und mit dieser Vorstellung im Kopf vergesse ich jetzt einfach die unüberlegten Äußerungen eines Fremden und freue mich schon mal präventiv auf ein langes, freies Osterwochenende.

 

„Nichts.“

„Was ist los mit dir?“ – „Nichts.“ Was eigentlich so viel heißt, wie „Hör auf zu fragen, wenn ich darüber sprechen wollte, würde ich von mir aus schon den Mund aufmachen. Also ignoriere bitte mein Verhalten und lass mich in Ruhe mein Fort aus Pappkartons zuende bauen, in dem ich mich vor dir und dem Rest der Welt verstecken kann.“ Aber „Nichts.“ ist so viel bequemer. Und wahr. Denn eigentlich ist „Nichts.“. Die Arbeit ist nicht anstrengender als noch vor zwei Wochen, die Menschen nicht blöder, das Wetter sogar viel besser. Trotzdem nervt alles.

Frühjahrsmüdigkeit. Mir ist so, als hätte ich da letztes Jahr schon drüber geschrieben und nun finde ich es nicht mehr. Vielleicht brauche ich auch nach zehn Wochen durchpowern einfach mal einen freien Tag außerhalb des Wochenendes. Denn gerade fühle ich mich, wie Spiderman auf dem Lande: Aufraffen, Anlauf nehmen, den Sprung wagen, ins „Nichts.“ fallen. Wäre das hier ein Videospiel, hätte ich schon längst frustriert den Controller durch’s Wohnzimmer gepfeffert.

Ist es aber zum Glück nicht. Dennoch werden die kommenden Monate meinen Gesundheitsbalken wieder auffüllen müssen. Dafür weiß ich, dass das nächste Level viel weniger „Nichts.“ haben wird und stattdessen viele Dinge, die Halt bieten. Wollen wir mal hoffen, dass ich mit meinem Talent zur Selbstzerstörung dann nicht mit Schmackes vor irgendeine Wand springe.

Und wenn ich einmal traurig bin, denk ich an dieses GIF.

https://plus.google.com/110275835631799944095/posts/S4LY3jTQ5Fj

I hit the sneeze button.

Mittwoch, 11. März 2015, 10.53 Uhr: Eine kleine Angestellte sitzt stumm an ihrer Schreibtischinsel. Bis auf ein gelegentliches Niesen. So ungefähr alle 12 Sekunden. Gefolgt von einem „Gesundheit!“. Auch ungefähr alle 12 Sekunden. Argh.

Halleluja, es wird Frühling! Die Sonne scheint mit Schmackes auf den Bildschirm, die Vögel zwitschern, das erste Freiluftbier schmeckte bereits ausgezeichnet. Und die Bäume geben sich alle Mühe, ihre Pollen in einem Rutsch auf die Menschheit loszulassen. Frei nach Eduard Mörike: Frühling lässt sein gelbes Band wieder flattern durch die Lüfte. Dass das in Deutschland noch nicht reguliert wurde, wundert mich.

Dabei bin ich beim Heuschnupfen-Roulette noch ganz gut dabei weggekommen: Mit der kribbelnden Nase und dem einen tränenden Auge (immer nur rechts) bekomme ich bei der Pollenolympiade nicht mal die Teilnehmerurkunde überreicht. Kein Kirschkernweitniesen für mich, kein Rätselraten „High oder Heu?“.

Doch Moment, behold! Wenn die Teilnehmer des 400-Meter-Naselaufs sich nach dem Rennen auf ihr Schälchen Obstsalat stürzen, werde ich am Holzstiel der Startfahne nuckeln. Da hat sich Mutter Natur nämlich vor 3-4 Jährchen gedacht: Wir spielen Reise nach Jerusalem mit der Ernährung des kleinen dicken Kindes. Jedes Mal, wenn es sich über etwas freut, nehmen wir ihm eine Sorte Obst weg. Im Rennen sind jetzt noch Banane und Orange. Ich bin äußerst gespannt, was wohl passiert, wenn die Musik das nächste Mal ausgeht.

Just remember: If you forget to say „Pika“ before you sneeze, you can always say „bacca“ afterwards.

Klingelingeling! Klingelingeling! Hier ist die Telekom.

Unser Büro befindet sich in einem Gewerbekomplex am Rande der Innenstadt. Es ist nicht sonderlich schön hier, aber die Firma wollte vor drei Jahren für kleines Geld mehr Platz für mehr Mitarbeiter haben. Geschätzte 60% der Büroeinheiten standen bis Ende letzten Jahres leer. Wenn die FH Ferien hatte, sah man gelegentlich sogar einen Steppenläufer am Fenster vorbeirollen. Damals, als noch große Aufregung herrschte, wenn der Bastelbunker gegenüber mal wieder zum Tag der offenen Tür mit Fabrikverkauf einlud und Hausmütterchen mitsamt ihrer Muttersöhnchen in Scharen aus dem umliegenden Dörfern herbeiströmten.

Doch seit gut drei Monaten ist nichts mehr, wie es einmal war. Wir haben jetzt die Telekom im Haus. Nein, nicht etwas die lustigen Techniker in Latzhose, die bei Terminen ähnlich zuverlässig auftauchen, wie Schrödinger Katze kurz vor Schluss wieder aus ihrem Karton hüpft. Von hier aus werden nun im großen Umfang Leute belästigt. Ich meine angerufen. Also man unterbreitet von diesem Standort aus zahlreichen zufriedenen Kunden in der ganzen Region unschlagbare Angebote für ihre Vertragsverlängerung. So, jetzt hab ich’s.

Per se habe ich nichts gegen Menschen, die in einem Call Center arbeiten. Irgendwer muss es machen. Ich saß schließlich selber auch schon an dem Ende der Strippe, an dem das Headset wie ein mieses Klischee vor sich hin baumelt. Gerade als Nebenverdienst ist das eine ganz feine Sache, auch wenn man natürlich mehrmals täglich angemotzt und beleidigt wird. Kleiner Tipp am Rande: Leute, seid nett zu den Anrufern. Man kann es auch freundlich formulieren, wenn man keinen Bock darauf hat, zu total bescheuerten Uhrzeiten stundenlang völlig idiotische Fragen zu beantworten.

Bis Ende letzten Jahres habe ich geglaubt, bei Vertragsfragen säße da ein relativ cleveres, junges Bürschchen am Apparat. So einer, der eigentlich Physik an der Ruhr-Uni Bochum studiert und dir locker irgendwelche Integrale und Matrizen ausrechnen könnte, um damit den idealen Tarif rauszusuchen. Ällabätsch. Falsch gedacht.

Habt ihr euch nicht auch schon immer mal gefragt, was aus den ganzen Leuten wird, die mal bei „Mitten im Leben“, „Frauentausch“ oder „Extrem schwer“ mitgemacht haben? Kann ich euch sagen: Die landen bei der Telekom im Call Center. Die Einstellungskriterien sind klar: Ein BMI größer 35, Kettenraucher, schlechte Zähne, unverschämtes Auftreten. Alternativ geht auch folgende Kategorie des Schulabbrecher: „Ey, jo, Bro ey, werf misch ma Cola.“ Originalzitat. Isch schwöar.

Von diesem Schlag Mensch laufen hier aktuell bereits um die vierzig Leute pro Schicht durchs Gebäude. Wobei… nein, das ist gelogen. Wer nicht im Erdgeschoss arbeitet, der fährt generell mit dem Fahrstuhl aus dem ersten Stock runter zur Raucherecke. Laufen ist auch Quatsch.

Wo war ich? Ach ja, vierzig Leute in drei Schichten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Bis zum Sommer sollen hier 340 Mitarbeiter beschäftigt sein. Die Parkplätze sind bereits jetzt überfüllt und der Bäcker hat auch schon mal sicherheitshalber die Preise angezogen. Und hier laufen die ersten Wetten, wann das erste Graffiti im Treppenhaus auftaucht und der erste Dealer morgens an der Ecke wartet.