Seid spendabel.

Über die letzten Wochen konnte ich dabei zusehen, wie Freunde und Bekannte haufenweise Spielzeug, Klamotten und Haushaltszubehör in die Bielefelder Flüchtlingsunterkünfte schafften. Danke euch! Mittlerweile ist der Hype zwar etwas abgeflacht, aber da wird sicher noch mal einiges nachkommen. Jedoch nicht von mir, das gebe ich jetzt hier ganz offen zu. Ich besitze nur zwei Winterjacken, acht Teller und drei Töpfe und auch mein Kontostand lässt leider eher selten eine gute Tat zu. Mein Gewissen beschwert sich da auch lautstark, aber aktuell ist bei mir wirklich nichts zu holen.

Allerdings ich bin anders spendabel. Als ich an meinem 18. Geburtstag meinen Führerschein in die Hand nahm, unterschrieb ich kurz danach auch direkt meinen ersten Organspendeausweis. Schließlich wollte ich von diesem Tag an fast täglich mit dem Motorrad durch die Sauerländer Berge brettern und falls ich dann mal in irgendeiner Leitplanke hängen bleibe, sollte davon wenigstens irgendjemand profitieren. Für mich ist dieser Ausweis eine Selbstverständlichkeit. Kein Arzt wird dir schneller der Saft abdrehen, nur weil du Organspender bist. Kein Käfer wird sich nach deinem Tod beschweren, dass er nicht mehr an deiner Leber naschen darf. Falls also tatsächlich nach meinem Ableben noch irgendwer Verwendung für mein Innenleben hat: Hier Selbstbedienung.

Das kleine Kärtchen gibt es übrigens online (u.a. unter www.organspende-info.de). Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In der Uni Bielefeld lag zu meiner Zeit auch immer ein Stapel auf der Flur vor dem Studio von Radio Hertz aus. Die Sache ist nicht bindend, wer irgendwann Muffensausen bekommt, nimmt die Erklärung einfach wieder aus seinem Portemonnaie heraus und darf danach in Ruhe einen vollkommen sinnlosen Tod sterben.

Natürlich kann man auch schon zu Lebzeiten sinnvolle Dinge mit seinem organischen Material anstellen. Beispielsweise sich als Stammzellenspender bei der DKMS registrieren lassen. Ich bin mittlerweile seit zehn Jahren in der Kartei, damals gab es eine große Typisierungsaktion im Nachbarort. Bislang wurde ich noch nicht gebraucht, aber falls ich irgendwann mal etwas gegen die große Arschlochkrankheit Krebs machen kann, dann tue ich das doch gerne. In 80% der Fälle reicht mittlerweile übrigens eine Stammzellenspende über das Blut, die operative Entnahme von Knochenmark ist relativ selten geworden. Ach ja: Fortschritt und Aufklärung sei Dank dürfen seit Dezember 2014 sogar Homosexuelle in die Kartei aufgenommen werden.

Fehlt nur noch, dass es bei den Blutspendediensten nun auch endlich Klick macht.

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Ode an die Armbanduhr.

Tick, tock, goes the clock, she cradled and she rocked her.
Tick, tock, goes the clock, even for Miss Cover…

Seit Samstag steht meine Armbanduhr mal wieder bzw. sie liegt nun nutzlos im Bad herum und es macht mich gelinde gesagt wahnsinnig. Die Uhr ist bestimmt schon vierzehn Jahre alt, hat dieses Jahr schon das dritte Paar Batterien gefressen und wahrscheinlich sollte ich sie langsam mal in Rente schicken. Also muss dringend eine neue Uhr her, denn ohne kann ich nicht. Wer mich kennt, den mag das wundern. Gefühlt habe ich schließlich sowieso ständig mein Handy in der Hand. In der Realität aber nicht.

Spielen wir einmal meinen Tag durch. Ich werde wach, gucke aufs Handy und stelle fest, dass ich wie üblich verschlafen habe. Ich eile ins Bad. Im Bad liegt die Armbanduhr über dem Waschbecken und zeigt mahnend und unerbittlich die Uhrzeit an. Das Handy müsste ich jedes Mal in die Hand nehmen, den Bildschirm aktivieren und danach die drei Schichten Zahnpasta-Makeup-Lidschatten wieder abwischen. Mal abgesehen davon, dass auf der Ablage sowieso jeder Zentimeter belegt ist und das Handy wahrscheinlich auf dem Spülkasten liegen müsste. Nicht ganz ungefährlich.

Ich flitze nun also zur Bahn, noch später als sonst, weil ich die Zeit nicht im Blick hatte. Draußen sind es 7 Grad, weshalb ich als Frau natürlich mindestens fünf Schichten Kleidung trage und ganz unter drunter ist das Handy. In der Hosentasche, an das kurze Kopfhörerkabel gekettet und gut verpackt. Um im Gehen einen Blick darauf zu werfen, stranguliere ich mich also beinahe, lege kurzzeitig meine Nieren frei und lasse das Gerät mit kalten Fingern wahrscheinlich auch noch fast fallen. Für den Blick auf die Armbanduhr reicht ein kurzer Griff an den Ärmel.

Weiter gehts. Irgendwie habe ich es gerade noch rechtzeitig ins Meeting geschafft. Weil es total schnell gehen musste, sitze ich dort ohne Kaffee und somit auf heißen Kohlen. Das Handy liegt aus Höflichkeit am Platz, es steht kein Laptopbildschirm im Sichtfeld und die Armbanduhr tragenden Herren verdecken diese im Herbst natürlich geschickt mit ihren Hemdärmeln. Nach der Uhrzeit zu fragen, geht auch nicht, denn dann wird einem sofort fehlende Motivation unterstellt. Trüge ich eine Armbanduhr, könnte ich ein nachdenkliches Am-Kopf-Kratzen imitieren und dabei einen verstohlenen Blick riskieren. Plötzlich kommen mir 30 Minuten wie eine Ewigkeit vor, schließlich könnte ja auch tatsächlich schon eine solche vergangen sein.

11 Uhr morgens und die fehlende Armbanduhr hat mich bereits mindestens dreimal an diesem Tag verrückt gemacht. Es mag die Gewohnheit sein, wenn man seine allererste Uhr bereits im Kindergarten bekam und seitdem nie ohne das Haus verlassen hat. Das war damals so eine richtig coole erste Uhr mit Flik und Flak als Zeigern. Keine Sorge, die gibt es nicht in meiner Größe. Aber auch wenn ich damit total old school klinge, mein Handy wird zwar über kurz oder lang den kompletten Jackentascheninhalt bis auf die Tempos ersetzen, aber meine Armbanduhr, die bleibt.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.

Wahrscheinlich hat das Marie Antoinette niemals wirklich so gesagt, aber wen interessiert das schon im Internet. Fast 250 Jahre später hat sich dieser Spruch aber offensichtlich als das gemeinsame Motto vieler Büros manifestiert. Wie die Bienen stürzen sich Mittvierzigerinnen schon morgens um 10 auf die Schwarzwälder Kirschtorte einer Osnabrücker Konditorei, auf Bienenstich und Donauwelle. Selbst die staubtrockenen Fertigmuffins des hiesigen Backmischungsproduzenten werden in einer Geschwindigkeit verschlungen, bei der sogar ein Labrador-Beagle-Mischling kurz bewundernd innehalten würde.

„Ich mag keinen Kuchen.“ Wahrscheinlich würden die Kollegen nicht weniger entsetzt gucken, wenn ich ihnen gestanden hätte, nach Feierabend ihre Tastatur abgeleckt zu haben. Während Vegetarier im Büro mittlerweile stillschweigend geduldet werden (schließlich essen sie kommentarlos jedes süße Backwerk und selbst unter der Schnittchenplatte wird schon irgendwo ein Käsebrot vergraben sein), stehen Kuchenverächter auf einer Stufe mit Veganern. Was macht man mit denen?

Dass es für mich vielleicht vollkommen ok ist, morgens um 10 mit einer Tasse Kaffee in der Hand danebenzustehen, entzieht sich dem Vorstellungsvermögen. Ob man denn auf Diät sei? Ja, seit 15 Jahren, aber das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Darüber mache ich mir beim Kneipenbesuch schließlich auch keine Gedanken. Oder wenn ich fingerdick den Käse aufs Brot lege. Das wäre alles eine Frage der Planung. Ich mag auch hin und wieder mal 1-2 Kekse, Schokomuffins und sogar den Marmorkuchen meiner Mutter. Aber 98% dieser Backkreationen halt nicht. Wirklich nicht.

Dabei backe ich fast genauso gerne, wie ich koche. Ich finde es total entspannend und liebe es, im Vorfeld stundenlang nach dem besten Rezept zu suchen. Was mir nach Auskunft meiner Versuchsopfer wohl auch immer gelingt. Kuchen, Torten, Kekse, Studel… alles kein Hexenwerk. Wenn danach noch jemand jedes Mal meine Küche für mich kernsanieren würde, wäre es perfekt. Freiwillige bitte vor. Naja, Heidelbeerflecken an der Decke sind doch irgendwie auch ganz chic.