Seid spendabel.

Über die letzten Wochen konnte ich dabei zusehen, wie Freunde und Bekannte haufenweise Spielzeug, Klamotten und Haushaltszubehör in die Bielefelder Flüchtlingsunterkünfte schafften. Danke euch! Mittlerweile ist der Hype zwar etwas abgeflacht, aber da wird sicher noch mal einiges nachkommen. Jedoch nicht von mir, das gebe ich jetzt hier ganz offen zu. Ich besitze nur zwei Winterjacken, acht Teller und drei Töpfe und auch mein Kontostand lässt leider eher selten eine gute Tat zu. Mein Gewissen beschwert sich da auch lautstark, aber aktuell ist bei mir wirklich nichts zu holen.

Allerdings ich bin anders spendabel. Als ich an meinem 18. Geburtstag meinen Führerschein in die Hand nahm, unterschrieb ich kurz danach auch direkt meinen ersten Organspendeausweis. Schließlich wollte ich von diesem Tag an fast täglich mit dem Motorrad durch die Sauerländer Berge brettern und falls ich dann mal in irgendeiner Leitplanke hängen bleibe, sollte davon wenigstens irgendjemand profitieren. Für mich ist dieser Ausweis eine Selbstverständlichkeit. Kein Arzt wird dir schneller der Saft abdrehen, nur weil du Organspender bist. Kein Käfer wird sich nach deinem Tod beschweren, dass er nicht mehr an deiner Leber naschen darf. Falls also tatsächlich nach meinem Ableben noch irgendwer Verwendung für mein Innenleben hat: Hier Selbstbedienung.

Das kleine Kärtchen gibt es übrigens online (u.a. unter www.organspende-info.de). Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In der Uni Bielefeld lag zu meiner Zeit auch immer ein Stapel auf der Flur vor dem Studio von Radio Hertz aus. Die Sache ist nicht bindend, wer irgendwann Muffensausen bekommt, nimmt die Erklärung einfach wieder aus seinem Portemonnaie heraus und darf danach in Ruhe einen vollkommen sinnlosen Tod sterben.

Natürlich kann man auch schon zu Lebzeiten sinnvolle Dinge mit seinem organischen Material anstellen. Beispielsweise sich als Stammzellenspender bei der DKMS registrieren lassen. Ich bin mittlerweile seit zehn Jahren in der Kartei, damals gab es eine große Typisierungsaktion im Nachbarort. Bislang wurde ich noch nicht gebraucht, aber falls ich irgendwann mal etwas gegen die große Arschlochkrankheit Krebs machen kann, dann tue ich das doch gerne. In 80% der Fälle reicht mittlerweile übrigens eine Stammzellenspende über das Blut, die operative Entnahme von Knochenmark ist relativ selten geworden. Ach ja: Fortschritt und Aufklärung sei Dank dürfen seit Dezember 2014 sogar Homosexuelle in die Kartei aufgenommen werden.

Fehlt nur noch, dass es bei den Blutspendediensten nun auch endlich Klick macht.

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Oh…

„Oh…“, sagte sie. Meine Therapeutin. Bei der ich sitze, weil sich mein Kopf immer das allerfurchtbarste ausmalt bei der Frage, was mein Gegenüber gerade über mich denkt. „Oh…“.  Ich sagte ihr, dass mein Kopf das immer tut und sie sagt „Oh…“. Und mein Kopf übersetzt es mit „Du lieber Himmel, das arme Mädchen, das ist nichts mehr zu machen“. Das ist natürlich Blödsinn, aber mein Kopf ist da sehr stur in seinen Ansichten.

Ich riss zum Therapiebeginn die Klappe sehr weit auf. Vier Wochen später war der Spuk dann aber auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig. Aber ich kann nicht 50 Minuten lang zwischen Büchern, Salzkristallen und Traumfängern sitzen und im kleinsten Detail ausleuchten, wieso ich am St. Nimmerleinstag lieber alleine Mittagessen wollte statt mit den Kollegen. Um dann am Ende zu hören, dass ich mich da nicht so abkapseln soll. Nee, so nicht. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich weiß ganz genau, wie ich mich da anschließlich könnte. Ich will nur manchmal einfach lieber alleine sein.

Tja nun, vielleicht halte ich das nächste Mal einfach die Finger still, denn einen neuen Versuch wird es irgendwann geben. Und dann behalte ich es möglicherweise erst einmal für mich, bis es das erste Mal „Klick“ gemacht hat. Oder „Peng“. But there’s one sound that no one knows: What does the brain say? „Ring-ding-ding-ding-dingeringeding…“ Oder so ähnlich. Manchmal klingt es ja tatsächlich so.

Wenn man krank ist, geht man halt zum Arzt.

Wenn der Zahn empfindlich reagiert, geht man zum Zahnarzt. Wenn die Haut empfindlich reagiert, geht man zum Hautarzt. Und wenn der Kopf empfindlich reagiert, geht man zum Kopfarzt. Zum Psychologen oder Psychotherapeuten, was man halt so braucht. Da kann man noch so stark sein, wenn man krank ist, ist man krank. Ich habe bis letzten Monat gebraucht, um das zu kapieren.

Nein, ich nicht depressiv. Mein Entschluss hatte keinen akuten Auslöser und ich befinde mich gerade definitiv nicht in der schlimmsten Phase der letzten Jahre. Von dieser bin ich, nicht zuletzt dank eines stabilen und ziemlich großartigen Freundeskreises, meilenweit entfernt. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind bei mir gestört und das schon so lange ich denken kann. Vor einem Jahr schrieb ich mit Selbstsicher unsicher. sogar schon einmal einen Blogeintrag über dieses Problem, ohne dass es mir da bewusst war. Habt also lieber Angst vor der Post-Therapie-Person mit dezimierten Dachschaden, denn die kennt ihr bislang noch nicht.

Wenn ich also demnächst Wartezimmertweets aus dem Vorzimmer meiner Psychotante verschicke, dann amüsiert euch mit mir über schiefe Bilder und esoterisch angehauchte Stehrümchen. Leider, leider gibt es da keine Mitwartenden, aber vielleicht macht die Efeutute ja irgendwann einmal spontan etwas total lustiges. Stürzt sich die Treppe hinunter oder so. Das fänd ich jedenfalls saukomisch.

„Nichts.“

„Was ist los mit dir?“ – „Nichts.“ Was eigentlich so viel heißt, wie „Hör auf zu fragen, wenn ich darüber sprechen wollte, würde ich von mir aus schon den Mund aufmachen. Also ignoriere bitte mein Verhalten und lass mich in Ruhe mein Fort aus Pappkartons zuende bauen, in dem ich mich vor dir und dem Rest der Welt verstecken kann.“ Aber „Nichts.“ ist so viel bequemer. Und wahr. Denn eigentlich ist „Nichts.“. Die Arbeit ist nicht anstrengender als noch vor zwei Wochen, die Menschen nicht blöder, das Wetter sogar viel besser. Trotzdem nervt alles.

Frühjahrsmüdigkeit. Mir ist so, als hätte ich da letztes Jahr schon drüber geschrieben und nun finde ich es nicht mehr. Vielleicht brauche ich auch nach zehn Wochen durchpowern einfach mal einen freien Tag außerhalb des Wochenendes. Denn gerade fühle ich mich, wie Spiderman auf dem Lande: Aufraffen, Anlauf nehmen, den Sprung wagen, ins „Nichts.“ fallen. Wäre das hier ein Videospiel, hätte ich schon längst frustriert den Controller durch’s Wohnzimmer gepfeffert.

Ist es aber zum Glück nicht. Dennoch werden die kommenden Monate meinen Gesundheitsbalken wieder auffüllen müssen. Dafür weiß ich, dass das nächste Level viel weniger „Nichts.“ haben wird und stattdessen viele Dinge, die Halt bieten. Wollen wir mal hoffen, dass ich mit meinem Talent zur Selbstzerstörung dann nicht mit Schmackes vor irgendeine Wand springe.

Und wenn ich einmal traurig bin, denk ich an dieses GIF.

I hit the sneeze button.

Mittwoch, 11. März 2015, 10.53 Uhr: Eine kleine Angestellte sitzt stumm an ihrer Schreibtischinsel. Bis auf ein gelegentliches Niesen. So ungefähr alle 12 Sekunden. Gefolgt von einem „Gesundheit!“. Auch ungefähr alle 12 Sekunden. Argh.

Halleluja, es wird Frühling! Die Sonne scheint mit Schmackes auf den Bildschirm, die Vögel zwitschern, das erste Freiluftbier schmeckte bereits ausgezeichnet. Und die Bäume geben sich alle Mühe, ihre Pollen in einem Rutsch auf die Menschheit loszulassen. Frei nach Eduard Mörike: Frühling lässt sein gelbes Band wieder flattern durch die Lüfte. Dass das in Deutschland noch nicht reguliert wurde, wundert mich.

Dabei bin ich beim Heuschnupfen-Roulette noch ganz gut dabei weggekommen: Mit der kribbelnden Nase und dem einen tränenden Auge (immer nur rechts) bekomme ich bei der Pollenolympiade nicht mal die Teilnehmerurkunde überreicht. Kein Kirschkernweitniesen für mich, kein Rätselraten „High oder Heu?“.

Doch Moment, behold! Wenn die Teilnehmer des 400-Meter-Naselaufs sich nach dem Rennen auf ihr Schälchen Obstsalat stürzen, werde ich am Holzstiel der Startfahne nuckeln. Da hat sich Mutter Natur nämlich vor 3-4 Jährchen gedacht: Wir spielen Reise nach Jerusalem mit der Ernährung des kleinen dicken Kindes. Jedes Mal, wenn es sich über etwas freut, nehmen wir ihm eine Sorte Obst weg. Im Rennen sind jetzt noch Banane und Orange. Ich bin äußerst gespannt, was wohl passiert, wenn die Musik das nächste Mal ausgeht.

Just remember: If you forget to say „Pika“ before you sneeze, you can always say „bacca“ afterwards.

Ich bin nicht schuld.

Mit 28 arbeite ich meine Kindheit auf. Ich habe vor etwas über einem Jahr schon einmal einen Versuch gestartet, aber so etwas geht leider nicht von heute auf morgen. Es geht lange gut und dann kommt plötzlich wieder Weihnachten. Weihnachten ist immer furchtbar, weil es für mich fast zwei jahrzehntelang Streit bedeutete. Streit, weil der Baum schief war. Streit, weil falsch eingekauft worden war. Streit, weil jemand Heiligabend ein Fleck auf dem Hemd hatte. Streit, weil es wieder Streit gab.

Ich will niemandem die Schuld zuweisen. Wir alle sind falsch mit der Depression meiner Mutter umgegangen worden. Wir wussten es ja alle nicht besser. Heute sieht das anders aus. Zumindest dann, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen möchte. Vielleicht wird manchmal zu schnell eine Depression unterstellt, aber das Thema ist endlich präsent, genauso wie Studien und Leitfäden für Angehörige und Betroffene. Im Fernsehen, in Büchern, im Internet. Mal als Hype und manchmal ganz still vor sich hin.

Mich persönlich hat in den letzten Tagen ein bestimmter Artikel ziemlich getroffen. Hätten meine Eltern ihn damals gehabt, wäre das alles vielleicht ein bisschen einfacher für uns gewesen: 6 Things Every Kid Should Know About a Parent’s Depression.

 

1. Deine Mutter ist krank.

Ich muss es ehrlich zugeben, ich habe lange gedacht, dass die Aussage „Sie ist bei ihrer Ärztin“ nur eine Coverstory für Bekannte und Verwandte war. Am Ende kriegte man ein Rezept für Pillen, also wird das schon irgendwie als Arztbesuch durchgehen. Denn was ist ein Arzt ohne Spritzen und Stethoskop? Jemand, der jahrelang an einem Menschen „herumdoktert“, ohne ihn zu heilen? Ein Quacksalber.

Einzusehen, dass es man auch krank im Kopf sein kann, schaffen viele Erwachsene ja nicht einmal, wie soll das dann ein Kind verstehen?

2. Du bist nicht schuld.

Mein Bruder und ich hatten sehr lange ein schwieriges Verhältnis. Mit der Zeit wird es immer leichter, objektiv einen Blick darauf zu werfen. Wir haben uns gegenseitig die Schuld zugeschoben, wenn schon wieder Ausflug mit einer weinenden, zickigen Mutter endete. Manchmal haben wir sogar gedacht, dass der andere das mit Absicht macht. Sie zu verletzten. Und was macht ein Kind mit einem Menschen, der der eigenen Mutter weh tut? Es mag ihn nicht.

Und wenn gerade niemand anders schuld sein konnte, muss man es wohl selber gewesen sein. Dann ist man selber eben jener Mensch, der die eigene Mutter verletzt hat und man mag sich irgendwann auch selber nicht mehr.

3. Nimm es nicht persönlich.

Aber du schreist mich doch an! Es ist sonst niemand hier! Wie sollte ich es nicht persönlich nehmen, wenn du mich aus dem Nichts anfährst? Oder mir die kalte Schulter zeigst?

Ein Kind versteht es nicht, dass seine Mutter sich da gerade von der ganzen Welt abschottet. Es sieht nur sich und seine Familie.

4. Du bist noch immer geliebt.

Kuschelstunden. Küsse. Umarmungen. Ein „Ich liebe dich“. So etwas gab es bei uns fast nie. Jedenfalls nicht, solange ich zurückdenken kann. Wenn ich heute Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern sehe, die zum Abschied einen Kuss auf den Mund bekommen, frage ich mich: „Habe ich das auch früher einmal gemacht?“

Meine Eltern lieben mich und haben mich immer geliebt. Sogar während der Pubertät, Respekt dafür. Aber diese körperliche und verbale Distanz hat es doch geschafft, dass ich jahrelang immer irgendwie daran gezweifelt habe.

5. Depression ist behandelbar

Echt jetzt? Und wieso kriegt die Ärztin es dann nicht weg? Wieso muss meine Mutter dann jeden Tag Tabletten nehmen? Wieso zieht sich das über Jahre hin und irgendwie wird es nicht besser? Kaum sind die Tabletten weg oder anders dosiert, schon ist die Krankheit wieder da.

Dass behandelbar und heilbar zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind, dass ist unendlich schwer zu verstehen. Man möchte es als Kind auch gar nicht verstehen. Weil es bedeutet, dass die eigene Mutter niemals „normal“ sein wird, sondern immer irgendwie anders.

6. Bitte um Hilfe.

Wen denn? Da waren keine Verwandten, die ich hätte fragen können. Heute wünschte ich mir, meine Mutter hätte uns damals als Familie in die Therapie mit einbezogen. Dann hätten wir vielleicht gesehen, dass es eine richtige Ärztin war, zu der sie da regelmäßig fuhr. Dann hätten wir vielleicht verstanden, dass das wirklich eine Krankheit ist und wir nicht schuld an ihrem Verhalten sind. Eine objektive Sicht, die uns Kindern damit geholfen hätte, die Depression nicht zu persönlich zu nehmen.

 

Eine kleine Fußnote: Ich würde mir niemals anmaßen, ich hätte irgendeine Ahnung davon, was während einer Depression wirklich in einem Menschen vorgeht. Ich kann nur sagen, wie es mir als Tochter damit erging.

Interview mit einem veganen Vampir.

Vor drei Wochen sprach mein Hausarzt in meiner Gegenwart Folgendes in sein Diktiergerät: „Ich bin relativ ratlos Komma wir machen einfach mal…“ Wenn man als Internist nicht wisse, was los ist, gäbe es halt ein großes Blutbild. Einfach mal auf gut Glück und in der Hoffnung, dabei zufällig etwas zu finden. So seine Erklärung. Es läuft also doch so ab, wie bei Doctor House. Nun gut, wollen wir mal hoffen, dass ich nicht nach 24 Minuten wiederbelebt werden muss, bevor ich dann in Sendeminute 43 endlich dank eines Geistesblitzes geheilt werde.

Eigentlich saß ich ihm zu dem Zeitpunkt auf den ersten Blick recht entspannt gegenüber. Ich hatte ja nun keine akute, lebensbedrohliche Geschichte. Müdigkeit, Lustlosigkeit, Kreislaufprobleme, Schwindel und Übelkeit nach den Mahlzeiten. Alles keine großen Sachen, aber auf Dauer echt nervig. Wahrscheinlich war es auch das erste Mal, dass ich hoffte, man würde jetzt gleich etwas bei mir finden. Sonst hätte ich mir am Ende noch eingestehen müssen, dass doch Stress oder irgendeine andere Kopfgeschichte daran schuld sein könnten. Nicht gerade meine Traumdiagnose.

Bm9_7mcIIAAujc3Aber: Yeah! Er hat etwas gefunden. Ziemlich miese Ferritinwerte und das obwohl ich mich eigentlich relativ eisenreich ernähre. Naja, ganz egal, es lässt sich recht gut behandeln. Da darf „Kräuterblut“ von mir aus auch gerne wie etwas klingen, mit dem man einen von einem Vampir verwandelten Veganer notversorgt. Erste Menschen gucken schon irritiert, weil ich aktuell so etwas wie einen gesunden Teint entwickle. Gerade ich, der Eimer Alpinaweiß mit mieser Deckkraft. Wo soll das bloß hinführen? Am Ende kommt noch raus, dass meine Mutter meinen doch recht hellhäutigen Vater vor 28 Jahren im Griechenlandurlaub… vielleicht stehe ich ja deshalb so auf Gyros und Tzaziki?

Auch die Laune bessert sich momentan merklich und das tat sie auch schon, bevor gestern endlich die Sonne rauskam. Wenn die Arbeit nicht mehr nur wie in Trance erledigt wird, dann ist das eine sehr gute Sache. Und vielleicht gehe ich gleich raus und hüpfe vergnügt über eine Blumenwiese. Aber nur vielleicht.

Frohe Weihnachten?

Ich habe mich auf dieses Weihnachtsfest wirklich nicht sonderlich gefreut. Das lag nicht direkt an meinen Eltern oder an meinem Bruder. Es war vielmehr die Angst vor Streit und der daraus resultierenden peinlichen Stille. Aber bislang war es gar nicht so schlimm. Eigentlich war es sogar richtig gut.

Weihnachten war jahrelang immer die Zeit, in der der Druck auf meine Mutter am größten war: Post von der sonst erfolgreich verdrängten Verwandtschaft, der Besuch bei ihren Eltern, die Erwartung an eine heile Welt an Heiligabend. Natürlich ging das niemals gut. Jedes Jahr flogen kurz vor der Bescherung die Fetzen. Dann kam der erste Weihnachtstag mit dem Zwangsbesuch bei meinen Großeltern und wieder flossen Tränen. Das falsche Hemd angezogen, die falsche Beilage gekauft, das falsche Geschirr benutzt. Eine dreitägige Gratwanderung, für meine Mutter und für uns.

Mittlerweile hat sich zum Glück einiges geändert. Die ganze bucklige Verwandtschaft wird nun einfach komplett ignoriert. Weihnachten, das bedeutet jetzt meine Eltern, mein Bruder und ich. Die Abläufe sind jetzt viel routinierter. Und nach Jahren des Schweigens komme ich sogar soweit mit meinem Bruder klar, dass wir zusammen Dinge deeskalierend kleinreden können. Es ist kein Spaß, aber Humor hilft.

Und urplötzlich wird dieses Jahr auch das Thema Depressionen zum allerersten Mal bei uns offen angesprochen. Ich war im ersten Moment vollkommen irritiert. Aber in meiner Abwesenheit muss es irgendeine stille Übereinkunft gegeben haben, wonach die Krankheit nun endlich kein Tabu mehr ist. Eine echte Erleichterung. Hat die letzte Therapie tatsächlich geholfen? Die Kur im Vorfeld? Dass die Frührente endlich sicher ist? Sind es neue Medis? Ihr Ehrenamt? Gerade bin ich einfach nur froh, DASS sich etwas geändert hat. Über die Ursachen kann ich auch später noch rätseln.

Gestern beim Spieleabend machte sie sogar Witze darüber, dass wir sie ja unbedingt gewinnen lassen müssten, denn das wäre immerhin sehr förderlich für die Genesung. Und auch sonst wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Natürlich sind Depressionen kein Spaß. Aber es ist zumindest eine Form des Gesprächs. Ein Anknüpfungspunkt für uns als Familie.
Ich traue mich auch nicht zu glauben, dass dieses Zustand halten wird. Ab Februar ist Schluss mit der Ergotherapie, mit der Begründung, dass die Frührente nach ihrem Burnout ja nun unbefristet bewilligt wäre und man damit alles wichtige erreicht hätte. Was für ein Schwachsinn. Aber bis dahin genieße ich erst einmal diese etwas anderen Weihnachtstage.

Frohes Fest!

Du zitterst ja!

Da steht man so in der Weltgeschichte herum, dreht mehr oder minder konzentriert am Zauberwürfel und von der Seite kommt das altbekannte: „Du zitterst ja! Bist du nervös?“ Wie? Was? Ich? Oh. Stimmt.

Nein, ich bin nicht nervös, habe keine Entzugserscheinungen und Parkinson ist es auch nicht. Das Ding nennt sich essentieller Tremor und in der Medizin steht dies für jenes chronische Zittern, für das es bislang immer noch keine Erklärung gibt. Man ist einfach eine neuronale Fehlfunktion. Angeknipst wird das Zittern beim Kampf gegen die Schwerkraft (irgendetwas ruhig in der Luft halten) und bei zielgerichteten Bewegungen. Wenn ich also nachts das Schlüsselloch nicht treffe, liegt das natürlich immer am Tremor.

Mein Tremor ist von der feinschlägigen Sorte, also ein eher leichtes Zittern. Und er ist ja auch nicht immer da. Stress und Aufregung machen es schlimmer, aber so genau achte ich da auch nicht drauf. Es kommt sehr selten vor, dass ich es noch merke, weil ich meine Kaffeetasse gerade mal nicht fehlerfrei an den Mund bekomme. Normalerweise ist es für mich einfach Teil des ganz normalen Bewegungsablaufs.

Heilung gibt es bislang nicht. Das Zittern ist wahrscheinlich vererbbar, trifft etwa einen von 28 und Alkohol hat bei 60% der Betroffenen eine lindernde Wirkung. Und damit enthält dieser Blogeintrag so ziemlich alles Wissen, das die Medizin im 21. Jahrhundert über diese Krankheit (oder dieses Symptom?) hat.

Also wenn es euch mal reizen sollte zu sagen: „Du zitterst ja!“ Jau. Danke. Weiß ich.

Was einen prägt.

Der Twitter-Hashtag #isjairre ist schuld daran, dass ich etwas recht persönliches hier in Worte fasse. Was ich nie machen wollte. Erst recht nicht wegen eines Themas, das mir Twitter vorgegeben hat. Und auch als der Text fertig war, habe ich lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt das Recht habe, mich dazu auch noch zu äußern.

Ich selbst bin psychisch gesund. Zumindest wurde noch nichts Gegenteiliges diagnostiziert. Allerdings bin ich erblich vorbelastet, was immer irgendwie mitschwingt. Ich bin mit einer depressiven Mutter aufgewachsen. Bis ich das verstanden habe, war ich aber schon fast mit der Grundschule durch. Denn wie erklärt man es einem Kind, dass die eigene Mutter nicht so ist, wie die der Freunde? Meine Eltern haben sich erst einmal auf „gar nicht“ geeinigt. Zumindest wüsste ich nicht, dass es mir damals jemand erklärt hätte. Ok, wie auch erklärt man es einer 6-Jährigen und ihrem jüngeren Bruder, wieso man mit dem Vater in den Wald geht, um die Mutter zu suchen, die vor dem Alltag dorthin geflüchtet ist? Richtig. Gar nicht.

Dabei ist bei ihr der ursprüngliche Auslöser fast schon ein Klischee: Ihre Eltern, meine Großeltern. Bei der Kindheit hätte sicher jeder einen an der Klatsche bekommen. Meine Großeltern sind von dem Schlag „Kinder sind zum Angeben da“. Ständiger Leistungsdruck und immer die Frage „Was willst du damit mal machen, wenn du erwachsen bist?“. Deshalb musste meine Mutter unbedingt Mathe und Religion auf Lehramt studieren, denn das konnte man gut den Bekannten unter die Nase reiben. Das Kind wird Lehrerin! Vielleicht sogar mal Oberstudienrätin! Man stelle sich das einmal vor.

Meine Mutter hat übrigens nie als Lehrerin gearbeitet. Das wäre mit ihrer Krankheit auch gar nicht möglich gewesen. Bei der Hochzeit meiner Eltern las der Standesbeamte aus irgendeinem Grund auch die Berufe mit vor. Bei ihr: Verkäuferin. Man hörte meinen Großvater wohl mehr als deutlich nach Luft schnappen.

Das deutlichste und allgegenwärtige Symptom war bei meiner Mutter ihre Gereiztheit. Es war immer sofort klar, wann meine Mutter ihre Tabletten nicht genommen hatte oder ihr eine geringere Dosis verschrieben worden war. Vor allem während meiner Pubertät bedeutete das natürlich eine tickende Zeitbombe. Dann flogen bei uns schon mal die Fetzen oder zumindest Zeitschriften und andere Gegenstände durch den Raum. Und am Ende saß immer irgendwer heulend in der Ecke. Eigentlich ein ganz passendes Bild für die Situation in meiner Familie: Zwei pubertierende Mädchen in einer Familie, nur dass das eine halt schon Mitte 40 war. Und natürlich nicht einfach nur launisch.

Besonders schlimm war es an Weihnachten und Geburtstagen. Nicht wegen besonderer „Festtagsdepressionen“. Sondern ganz einfach, weil man uns Kindern an solchen Tagen die einzigen verbliebenen Großeltern ja nicht einfach vorenthalten durfte. Also machten wir uns in unseren Zimmern fertig und warteten eigentlich nur darauf, dass bei meinen Eltern der Streit losging, weil meine Mutter mit der Situation oberfordert war. Dass meine Mutter ihre Eltern nicht mag, das haben wir Kinder recht früh schon verstanden. Deshalb waren wir auch daran gewöhnt, dass mein Vater oft mit uns alleine gefahren ist. Heute weiß ich, dass ihm das auch nie leicht gefallen ist.

Denn als Großeltern wollte man nicht nur mit der eigenen Tochter angeben, auch der Schwiegersohn sollte standesgemäß sein. Da passte mein Vater aber nicht ins Schema. Als Arbeiterkind aufgewachsen, Volksschulabschluss, Industriekaufmann gelernt. Kein Akademiker. Nicht dass meine Großeltern selbst so etwas vorweisen könnten. Dass er mehr als gut in seinem Beruf verdient hat, das war nebensächlich. Wenn man das gleich mit erzählte, klang das zu aufdringlich. Bei der puren Nennung der Tätigkeit ihres Schwiegersohns sollten schon Geld und Einfluss mitschwingen.

Ich bewundere meinen Vater dafür, wie er meine Mutter gehändelt hat und immer noch händelt. Ich glaube, das habe ich ihm nie gesagt. Andere Männer wären längst geflüchtet, er ist jetzt fast 30 Jahre mit ihr zusammen. Ohne seine stoische Art wäre das wohl nie gegangen. Die Launen meiner Mutter auf der einen Seite und sein dickes Fell auf der anderen. Er hat Verständnis gezeigt, aber sie nie in Watte gepackt. Hätte er das versucht, viel mehr persönlich genommen und sich mehr Gedanken gemacht, dann wäre er wahrscheinlich selbst an der Krankheit kaputt gegangen.

Mich hat die Erfahrung mit dieser Krankheit natürlich spürbar geprägt. Ich bin kein nach außen hin herzlicher Mensch, das habe ich nie gelernt. Ich musste immer viel von mir abprallen lassen. In meiner Familie wurden nie groß Gefühle gezeigt. Da dominierten die Gefühlsausbrüche der negativen Art. Ich brauche schon ein echt großes Vertrauen in einen Menschen, um von dieser „Norm“ abzuweichen und meine Gefühle auch wirklich zu zeigen. Ich kann nicht sagen, ob ich aufgrund oder trotz meiner Erfahrungen keine Angst vor psychischen Erkrankungen in meinem Umfeld habe. Was die Zeit mir beigebracht hat, ist eine gehörige Portion Respekt davor zu haben.

Zu meinen Großeltern besteht übrigens seit Jahren kein Kontakt mehr. Mein Großvater ist 2009 gestorben und niemand von uns war auf seiner Beerdigung. Geburtstagskarten werden nicht mehr gelesen, Geldgeschenke an uns Enkelkinder landen in irgendeinem Spendentopf. Für meine Mutter ist das ein kleiner Sieg.