Die Liga der Immer-Zuletzt-Gewählten.

Die Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden, weil die unsportlichen Kinder dort gehänselt und gedemütigt würden. Zugegeben, die Story ist nach zwei Wochen im Internet bereits ein alter Hut, aber die „Gegenpetition“ von Jan Weiler lässt mich nun doch noch fix ein paar Sätze in die Tastatur hauen.  Ich finde, das steht mir zu, denn rückblickend betrachtet könnte ich sehr wohl als Expertin für Unsportlichkeit am Sonntag auf einem der Jauch’schen Drehstühle sitzen.

Dreizehn Jahre Schulsport, dreizehn Jahre Kapitänin des Teams der Immer-Zuletzt-Gewählten. Als solche wurde ich eigentlich jede einzelne Woche des Schuljahrs dreimal 45 Minuten lang gedemütigt. Dabei war ich gar nicht die allerunsportlichste in der Klasse, aber eben das dicke, rothaarige, unbeliebte Mädchen. Dieses Gefühl, wenn jeder einzelne bereits in ein Team gewählt, man als Letzte übrig bleibt und es dann nicht einmal mehr für nötig gehalten wird, noch den Namen zu sagen: Das ist schlimm. Weil es nämlich jeder unter Garantie mitkriegt.

Ich kann beispielsweise überhaupt nicht springen. Weder über Kästen und Böcke, noch Latten, noch in die Weite in den Sand. Aber beim Weitsprung merkt es keiner, wenn man komplett versagt. Außer den beiden ebenso unsportlichen Mitschülern mit Maßband und Harke, die im Gegensatz zu mir aber entweder irgendwo ein Attest ausgegraben oder einfach den Turnbeutel vergessen haben. Die Glücklichen. Es wird aber garantiert jeder mitbekommen, wenn man auch nach 257 Versuchen in dreizehn Jahren immer noch nicht auf den Kasten aufhocken kann. Das ist übrigens bereits in der Grundschule die Übung für einen Gnadenpunkt.

Wenn man Woche für Woche beim Basketball nicht einen Ball bekommt, wenn man sich zitternd an den Schwebebalken klammert oder wie ein nasser Sack an den Ringen hängt, dann hinterlässt das viel tiefere Spuren als der eine Vormittag auf dem Sportplatz. Während dort nämlich große Gruppen unmotivierter Schüler jeden Alters zeitgleich um den Platz schlendern, gibt es in jeder Sporthalle grundsätzlich nur ein Seil, um das alle herum versammelt werden, wenn der Sportlehrer sagt: „Anna, jetzt du.“ Und ich war froh, wenn ich überhaupt mit beiden Füßen auf den Knoten kam. Die Grundidee dahinter muss noch so ein Überbleibsel aus 1939 sein.

Aber Achtung, jetzt kommt der völlig überraschende Turning-Point: Ich bin pro Bundesjugendspiele und pro Schulsport. Bei den Bundesjugendspielen gilt: Hauptsache kein Mathe. 90% der Zeit steht man doch eh irgendwo an oder sitzt am Rand und nach der fünften Stunde ist dann auch schon Schluss. Hurra!

Und irgendwie war es auch gut, dass man mich in der Schule zu mehr Bewegung genötigt hat, körperlich hat es mir jedenfalls nicht geschadet. Ich habe später sogar freiwillig in der Oberstufe den jungenlastigen Kurs mit viel Leichtathletik und Ballsport gewählt. Denn überraschenderweise kann ich recht gut und auch recht lange im Kreis laufen und Bälle über Netze kloppen. Ein bisschen anstrengen und die Sache mit Humor nehmen, dann klappt’s auch mit den Mitschülern. Denn wenn die strohdoofe Sportskanone im Gegenzug jede Woche vor versammelter Mannschaft an der Tafel bloßgestellt wird, fordert dessen Mutter auch nicht plötzlich die Abschaffung des Matheunterrichts. Auch wenn ich diese Petition vielleicht unterstützt hätte.

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Oh…

„Oh…“, sagte sie. Meine Therapeutin. Bei der ich sitze, weil sich mein Kopf immer das allerfurchtbarste ausmalt bei der Frage, was mein Gegenüber gerade über mich denkt. „Oh…“.  Ich sagte ihr, dass mein Kopf das immer tut und sie sagt „Oh…“. Und mein Kopf übersetzt es mit „Du lieber Himmel, das arme Mädchen, das ist nichts mehr zu machen“. Das ist natürlich Blödsinn, aber mein Kopf ist da sehr stur in seinen Ansichten.

Ich riss zum Therapiebeginn die Klappe sehr weit auf. Vier Wochen später war der Spuk dann aber auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig. Aber ich kann nicht 50 Minuten lang zwischen Büchern, Salzkristallen und Traumfängern sitzen und im kleinsten Detail ausleuchten, wieso ich am St. Nimmerleinstag lieber alleine Mittagessen wollte statt mit den Kollegen. Um dann am Ende zu hören, dass ich mich da nicht so abkapseln soll. Nee, so nicht. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich weiß ganz genau, wie ich mich da anschließlich könnte. Ich will nur manchmal einfach lieber alleine sein.

Tja nun, vielleicht halte ich das nächste Mal einfach die Finger still, denn einen neuen Versuch wird es irgendwann geben. Und dann behalte ich es möglicherweise erst einmal für mich, bis es das erste Mal „Klick“ gemacht hat. Oder „Peng“. But there’s one sound that no one knows: What does the brain say? „Ring-ding-ding-ding-dingeringeding…“ Oder so ähnlich. Manchmal klingt es ja tatsächlich so.

Denkt an die Elektrolyte!

Me­xi­ka­ner, der (Substantiv, maskulin): Einwohnerbezeichnung zu Mexiko… Moment, falsch. Unser Mexikaner kommt ursprünglich aus Hamburg und ist ein feurig-pfeffriges Schnäpschen auf Tomatenbasis. In Bielefeld ein absolutes Muss, wenn man sich mal in den Heimat+Hafen oder ins Plan B verläuft. Protipp: Niemals im Gegenüber trinken, die brauen den aus dem Zeug, das ihr Hipsterklientel zuvor aus dem Kugellager ihrer Longboards puhlte.

Es gibt im Internet unzählige Rezepte und fast genauso viele Varianten: Ob mit Korn, Vodka oder Tequila, mit oder ohne O-Saft, ob auf Basis von passierten Tomaten oder doch nur mit Tomatensaft. Ich habe einige Zeit in die Recherche investiert, bis ich ein Rezept fand, das in etwa so klang, wie mein geliebter Elektrolytelieferant in den beiden Stammkneipen schmeckt. Abgeschmeckt und leicht abgewandelt wurde er am Wochenende unter Kenner verköstigt und mit deren Feedback kam nun das als vorläufiger Favorit dabei heraus:

Annas Mexikaner 1.0

0,7 l Korn
1,3 l Tomatensaft
1,0 l passierte Tomaten
1 Flasche Sangrita Pikant
35 ml Tabasco
1 / 3 Tube Tomatenmark

3 EL Zucker
70 ml Zitronensaft
2 – 3 EL Salz
3 – 4 EL Pfeffer (grob gemahlen)

Die Zubereitung ist denkbar einfach:  Alles in eine große (Salat-)Schüssel geben und gut verrühren. Danach muss die Mischung unbedingt über Nacht kalt stehen, bevor sie abgeschmeckt werden kann. Klingt komisch, aber ohne durchgezogen zu sein, schmeckt man nur Korn und Tabasco heraus. Und probiert ruhig aus einem Pinnchen und nicht vom Löffel, die Schärfe kommt so ganz anders durch und man kann die Konsistenz besser abschätzen.

Mexikaner DeluxeBielefelder Mexikaner ist übrigens deutlich dickflüssiger als das Originalgesöff aus Hamburg und wer es ganz dekadent mag, serviert ihn als Mexikaner Deluxe mit Nacho und 1-2 Scheiben Jalapeño on top.

 

Atheisten sind dumm. Christen aber auch.

Ich hatte hier ja schon Weihnachten mein Coming-out, als ich zugab, kein richtiger Atheist zu sein. Noch hat mich keine Freakshow angeheuert, aber ich rechne quasi minütlich damit abtransportiert zu werden. Allerdings habe ich für mich auch noch ein 11. Gebot: Du musst noch so viel Restverstand behalten, dass du es checkst, wenn deine Glaubensrichtung Unsinn verzapft.

Aktueller Fall auf Spiegel Online: Religionsstreit an bayerischer Schule: „Atheisten sind dumm“. Ok, Punkt 1: Dass das gerade wieder in Bayern passiert, wundert nun wirklich niemanden mehr. Punkt 2: Stimmt, es gibt wirklich saublöde Menschen, die noch dazu Atheisten sind. Aber definitiv nicht alle. Konkret geht es dort mal wieder um einen Schulleiter, der seinen Schülern und am besten noch dem gesamten Kollegium und allen Eltern seinen eigenen, katholischen Glauben als das Maß aller Dinge aufzwingen will. Inklusive Gebet im Unterricht („Lieber Gott, falls das mit den Dinos und der Evolution eine Lüge ist, lass bitte dieses Biobuch in Flammen aufgehen, sonst muss ich es gleich wieder selber verbrennen.“) und Segnungen Abtrünniger in der Fastenzeit („Dieser Lolli ist des Teufels!“). Und wer nicht an den lieben Gott glauben und sich nicht durch Jesus vor der ewigen Verdammnis retten lassen will, der ist halt dumm.

Das kann man gerne glauben, wenn man möchte. Solange man damit niemandem auf die Nerven fällt. Das ist wie mit Veganern: Mir doch egal, was du isst oder – viel mehr – nicht isst, aber erzähl mir bitte nicht ständig davon. Danke. Leider gibt es haufenweise Christen, die anderen in einer Tour ihre ganz persönliche Lebenseinstellung vor die Nase halten müssen. Ich will das aber alles gar nicht wissen. Wenn jemand vor der Ehe keinen Sex haben möchte, dann ist das seine Sache. Wenn jemand vor dem Essen beten möchte, dann ist das seine Sache. Und wenn du freitags Fisch essen möchtest, dann lass mich gefälligst auch mal beißen.

Aber genauso wie nicht jeder Atheist zwangsläufig mit minderer Intelligenz gesegnet ist, so ist auch nicht jeder Gläubige aus Prinzip dämlich. Niemand muss verstehen können, wieso jemand anderes an ein höheres Wesen glaubt. Das verstehe ich ja selbst nicht, auch wenn ich mich die meiste Zeit zu diesen Bekloppten dazuzählen würde. Vielleicht ist bei diesen Leute irgendeine Gehirngegend anders verkabelt. Aber deshalb kann man ja dennoch ein ansonsten normal denkender und toleranter Mensch sein. Wer als Atheist das verleugnet, ist dumm.

Ja, die im Vatikan spinnen. Das Ergebnis der Volksabstimmung als „Niederlage für die Menschheit“ zu betiteln, ist einfach nur widerlich. Dabei geht nur leider vollkommen unter, dass sich der Standpunkt der evangelische Kirche in Deutschland zum Thema Familie und Homosexualität hingegen in den letzten 15 Jahren so stark gewandelt hat, dass seit 2013 feste Partnerschaften aller Art als gleichwertig betrachtet werden sollen. Auch die zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau. Ob mit oder ohne Trauschein. Wer den Segen der evangelischen Kirche möchte, der soll ihn bekommen. So steht es zumindest in dem sogenannten Familienpapier „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Das muss leider nicht bedeuten, dass das jeder evangelische Pastor und seine Schäfchen genauso sehen. Aber es zeigt zumindest, dass auch nicht alle Christen dumm und weltfremd sind.

Coverriculum Vitae.

Eure gute Cover ist kein Bewerbungsguru. Nee nee. Neeeee. Gott bewahre. Aber wenn ich mir mal überlege, wie oft ich in den letzte neun Jahren (Abi 2006 – 13 Jahre Warten auf Freitag) meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert habe, dann wird mir schon ein bisschen schwindelig. Und es ist vollkommen egal, ob man sich zuletzt vor zwei Minuten, zwei Monaten oder vor zwanzig Jahren irgendwo beworben hat: Das Zeug muss immer noch einmal komplett auseinander genommen werden.

Jedes. Verdammte. Mal.

Schritt 1: Wo war denn nur der Lebenslauf?

Am einfachsten wäre es ja, wenn man seinen alten Lebenslauf einfach nur noch mal fix aufpolieren müsste. Aber der ist unter Garantie nicht auffindbar. Verschickt, abgespeichert, schnell ’ne Tasse Kaffee geholt und weg ist das Ding. Pfutschikato. Läuft wahrscheinlich mit der verschollen geglaubten zweiten Socke händchenhaltend in den Sonnenuntergang.

Schritt 2: Finde heraus, als was du gerade arbeitest

Man verbringt so um die 225 Tage im Jahr auf der Arbeit, acht Stunden am Tag und das in meinem Fall seit drei Jahren. Und nun soll die Quintessenz dieser Rolle als AvD in drei bis fünf Zeilen passen. Manchmal wäre ich in solchen Momenten gerne auf dem Bau beschäftigt: Hallo, ich bin Baggerfahrer und kann Bagger fahren und ganz, ganz tiefe Löcher baggern.

Schritt 3: Formatiere dich um den Verstand

Egal was du tust, der Lebenslauf wird immer zwei Zeilen zu lang sein, um auf eine Seite zu passen. Während man im Studium immer schön die Ränder und Zeilenabstände so eingestellt hat, dass aus sieben Seiten Text die geforderten fünfzehn wurden, muss man dieses wertvolle Können nun andersherum unter Beweis stellen. Achtung: Dies rechtfertigt dann auch ein „fortgeschritten“ hinter der Frage nach den Office-Kenntnissen.

Schritt 4: Einmal recht freundlich

Natürlich darf ein Bewerbungsfoto bei der ganzen Sachen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Niemals. Das wäre ja vollkommen ungerecht und ganz und gar oberflächlich. Pfui. Aufschrei. Aber irgendwie kann man es den Personalern auch nicht verübeln, wenn die zumindest einen ersten Eindruck haben möchten. Da ist es übrigens unfassbar hilfreich, wenn man mal fix die Mutter aus der besten Aufnahme des Familienshootings herausretuschieren kann. Denn wie wusste die schon stets besser zu wissen: Das Leben ist für die beschissen, die sich nicht zu helfen wissen.

Schritt 5: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Was zur Hölle zeichnet mich eigentlich aus? Teamgeist? Schnelle Auffassungsgabe? Ehrgeiz? Alles Floskeln. Es wird niemand in seine Bewerbung schreiben, dass er Menschen total kacke findet und seine Arbeitszeit auf Twitter verbringt. Also wenn ich’s mir recht überlege… beim Kinderturnen würde ich durchaus durch eine ganz passable Rolle vorwärts positiv hervorstechen. Und ich kann die Zunge rollen. Naja, zur Hälfte. Ich kann außerdem recht gut backen. Das könnte beim potentiellen neuen Chef schon eher ziehen. Der Rest wird halt aus der Annonce abgeschrieben, die müssen schließlich wissen, wie ich sein soll.

Schritt 6: Kill your darlings

Interessiert die das alles jetzt wirklich? Beim letzten Mal war doch noch das superduperdolle Masterstudium das Argument für alles und nun hat sich das ganz hinten auf den Lebenslauf verkrümelt. Ich soll mit meinen 28 Lenzen ja sowieso bereits 29 Jahre Praxiserfahrung verweisen können und dann darf das Anschreiben auch so aussehen. Das teure Studium verkriecht sich zur Grundschule auf die Reservebank und Hobbys hat man ja eh schon seit Jahren keine mehr.

Schritt 7: Äh, wohin eigentlich?

Also idealerweise kommt Schritt 7 natürlich ganz am Anfang, aber das hätte den Spannungsbogen zerstört. Aber es ist auch ein ganz wichtiger Gedanke für die Individualisierung des Anschreibens, denn jede Firma möchte ganz gerne glauben, dass man sich nur bei ihnen beworben hat. Weil sie so unfassbar toll sind und so sympathisch rüberkommen und die Produkte einfach weltklasse sind und man von der nächsten Klippe springen wird, wenn sie einen nicht nehmen. Zum Glück sind Klippen in Bielefeld eher Mangelware.

Schritt 8: Wer hat denn den Kappes verzapft?!

Korrekturlesen. Ganz, ganz, ganz wichtig. Am besten lässt man wirklich noch mal jemanden draufgucken. Denn spätestens nach dem dritten Satz wird einem schlagartig bewusst, dass man sämtliche Grammatikkenntnisse gleich zu Beginn verloren hat. Zusammen mit der aktuellsten Version vom Lebenslauf.

Schritt 9: Abschicken \o/

Es ist vollbracht! Leicht geflickt, ein bisschen angsteinflößend und mit wenig Hirn, aber Frankensteins Monster hat es ja auch irgendwie durch den ersten Testlauf geschafft. Nun muss man es nur noch hinbekommen, die ganzen Unterlagen auch dem richtigen Empfänger zuzuordnen, damit man  am Ende nicht doch noch mit Mistgabeln und Fackeln durchs Dorf getrieben wird. Bei Bewerbungen in ostwestfälischen Randgebieten (Dornberg, Verl, Borgholzhausen) nicht ganz unwahrscheinlich.

Schritt 10: Das Land verlassen /o\

Es ist ganz egal, wie gründlich man war. Egal wie oft man noch einmal drübergelesen hat, wie oft man jede Zahl kontrolliert hat: Irgendeinen saublöden Fehler übersieht man immer. Jedes. Verdammte. Mal. Neulich hatte ich sogar mal einen Zahlendreher in der Handynummer, zum Glück nur auf einer Seite. Aber scheiß der Hund drauf: Den anderen Bewerbern ergeht es doch auch nicht anders.

Just a spoonful of sugar helps the medicine go down.

In ev’ry job that must be done
There is an element of fun
You find the fun and snap!
The job’s a game

Mary Poppins hatte gut reden. Wenn Leergut und Altglas mit einem Fingerschnipp aus der Tür marschieren würden, würde ich auch den ganzen Tag nur noch aufräumen. Ach was: Ich würde mir den Hut des Zauberlehrlings aufsetzen und die komplette Stadt aufräumen. Mit etwas Glück dackeln Faschos, CDU-Wähler und die ganze restliche, intolerante Deppenschaft da auch direkt den anderen Flaschen hinterher.

fantasia

Aber leider geht das nicht so einfach. Als ich im November 2012 endlich in meine erste eigene Singlewohnung zog, dachte ich noch: „Geil, kaum noch putzen!“ Denn wenn nur noch eine Person das Bad benutzt und nicht mehr vier, dann muss es doch auch viermal so lange sauber bleiben, richtig? Simpler Dreisatz. Hmmm. Tja. Falsch gedacht. Schnell durchgewischt, zur Tür raus und in dem Moment erbricht sich wahrscheinlich der Kosmetikeimer einmal quer durch den Raum. Anders kann ich mir den Reset in den ungeputzten Zustand innerhalb von Minuten nicht erklären.

Dabei bin ich beileibe kein Pingel. Bis vor wenigen Jahren war der Fußboden in meinem Zimmer immer noch mein eigener, begehbarer Kleiderschrank. Naja, „begehbar“. Ich muss mich nur in meiner Wohnung wohlfühlen und Unordnung drückt mir da mittlerweile auf die Stimmung. Der Haken an der Sache: Sauber machen ist auch nicht besser. Hauselfen, Heinzelmännchen, Herren mit Putzfimmel… warum verirrt sich nicht mal einer hierhin? Und wenn sich dann auch noch die Eltern angekündigt haben, wird’s echt stressig. Schaffe ich es in den nächsten zwei Wochen noch mal zum Pfandautomaten oder sollte ich die Flaschen einfach im Kleiderschrank verstecken? Das Bad putzen oder direkt fluten? Oder vielleicht doch eine Musterwohnung anmieten und mit den Leuten auf den Stockfotos prahlen?

My life is bitter, but it’s also sweet.

Diese Überschrift wird Ihnen präsentiert von MxPx mit Stay On Your Feet. Und was kann sweeter sein als feinster Live-Punkrock? Richtig: Nichts. Bier trinken, mitgröhlen, rumwippen und dem echten Leben für ein paar Stunden den Mittelfinger zeigen. Nachdem dieser ätzende, konzertarme Winter nun endlich vorbei war, ging es in den letzten Tagen plötzlich Schlag auf Schlag: Social Distortion, Against Me! und Millencolin. Drei Knallerbands in 2 1/2 Wochen. So zumindest die Erwartungen und die wurden mehr als erfüllt.

Social Distortion – 18. April, Bielefeld

Wenn Mike Ness und seine Truppe in die Stadt kommen, dann muss man da hingehen. Auch wenn einem der Ticketpreis Tränen in die Augen treibt. Denn was der alte Mann da auf der Bühne abzog, davon kann sich so mancher Mini-Punkrocker eine ordentliche Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal drängel ich definitiv näher ran. So war es sehr gute Musik mit weniger gutem Bier, aber für das richtige Konzertfeeling muss ich doch weiter rein in den Pulk. Soviel vorweg: Das ist mir nur 6 Tage später auf jeden Fall gelungen. Und jeder einzelne Euro war an diesem Abend gut investiert, denn die Altmeister Social D muss man als Punkrock-Fan mindestens einmal gesehen haben.
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Against Me! – 24. April, Hannover

Was macht man, wenn der einzige freie Platz im komplett ausverkauften Faust mitten vor der Sängerin ist, ohne Absperrgitter und Bühnengraben? Ganz genau, man freut sich ’nen Ast ab und gibt alles. Bei Against Me! überhaupt kein Problem, da bleibt keiner lange mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich habe es noch nie erlebt, dass neue Songs einer Band so dermaßen gefeiert wurden, aber das aktuelle Album „Transgender Dysphoria Blues“ scheint die Ausnahme von jeder denkbaren Regel zu sein.

Natürlich waren auch die wichtigen Klassiker dabei, wie „Don’t Lose Touch“, „Trash Unreal“ und mein vergleichweise junger Liebling „“I Was a Teenage Anarchist“. Natürlich sind es immer diese Abende, an denen man während der letzten Zugabe fluchtartig das Gebäude verlassen muss, weil die Bahn leider keine Rücksicht auf arme Konzertbesucher nimmt. Saftladen. Egal. Mein Fazit: Saugeil und ich freue mich wie Bolle auf eine Wiedersehen auf dem Serengeti.
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Millencolin – 04. Mai, Köln

Millencolin haben mich eigentlich gar nicht interessiert. Dieser ganze Skatepunk war nie so wirklich meine favorisierte Musikrichtung, mittlerweile nähern wir uns aber ganz vorsichtig immer mehr an. Jedenfalls musste ich sowieso für eine Nacht nach Köln, hatte keine Lust mit meinem Kollegen rumzuhängen und wenn so eine Band quasi direkt vor der Hotelzimmertür aufspielt: Warum nicht?

Um es kurz zu machen und mich selbst zu zitieren: Sie schafften es von „kann man mal mitnehmen“ zu „meine Fresse, sind die geil!“ in drei Songs. Das Publikum gab alles und zog 75 Minuten lang konsequent den Circle Pit durch. Ich habe es leider versäumt, den Gitarristen hinterher für zuhause einzupacken, aber dann mache ich das halt beim nächsten Mail. Und ich habe die Befürchtung, dass mich dieser Skatepunk mit 15 Jahren Verspätung doch noch kriegt.
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Gesamtfazit: Gebt mir mehr davon!

Wenn man krank ist, geht man halt zum Arzt.

Wenn der Zahn empfindlich reagiert, geht man zum Zahnarzt. Wenn die Haut empfindlich reagiert, geht man zum Hautarzt. Und wenn der Kopf empfindlich reagiert, geht man zum Kopfarzt. Zum Psychologen oder Psychotherapeuten, was man halt so braucht. Da kann man noch so stark sein, wenn man krank ist, ist man krank. Ich habe bis letzten Monat gebraucht, um das zu kapieren.

Nein, ich nicht depressiv. Mein Entschluss hatte keinen akuten Auslöser und ich befinde mich gerade definitiv nicht in der schlimmsten Phase der letzten Jahre. Von dieser bin ich, nicht zuletzt dank eines stabilen und ziemlich großartigen Freundeskreises, meilenweit entfernt. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind bei mir gestört und das schon so lange ich denken kann. Vor einem Jahr schrieb ich mit Selbstsicher unsicher. sogar schon einmal einen Blogeintrag über dieses Problem, ohne dass es mir da bewusst war. Habt also lieber Angst vor der Post-Therapie-Person mit dezimierten Dachschaden, denn die kennt ihr bislang noch nicht.

Wenn ich also demnächst Wartezimmertweets aus dem Vorzimmer meiner Psychotante verschicke, dann amüsiert euch mit mir über schiefe Bilder und esoterisch angehauchte Stehrümchen. Leider, leider gibt es da keine Mitwartenden, aber vielleicht macht die Efeutute ja irgendwann einmal spontan etwas total lustiges. Stürzt sich die Treppe hinunter oder so. Das fänd ich jedenfalls saukomisch.

Live noch besser als wie auf Platte.

Ich greife hin und wieder gerne mal ein Stöckchen auf, das man mir vor die Füße wirft und dieses Mal heißt es: Bands, die ich unbedingt einmal live sehen muss. Ein paar davon sind zum Glück schon zum Greifen nahe und die Reihenfolge ist vollkommen willkürlich gewählt.

Na dann legen wir doch mal los:

Bands, für die ich schon Karten habe

Against Me! (2x)
The Offspring
Bad Religion

Bands, für die ich noch Karten brauche

Limp Bizkit
Farin Urlaub Racing Team

Bands, die mal (wieder) rumkommen müssten

The Rumjacks
Reel Big Fish
Streetlight Manifesto
Boysetsfire
Lagwagon
Seeed
3 Doors Down
Rise Against

Bestimmt habe ich irgendwen total wichtiges vergessen. Und sicherlich ich das nur eine Momentaufnahme. Außerdem bedauere ich es, dass ich einige Bands und auch Sänger niemals live sehen werde, außer Emmett Brown parkt plötzlich vor meinen Füßen. The Ramones. The Clash. Dead Kennedys. Sex Pistols. The Pogues. Johnny Cash. Und die Wohlstandskinder, bei denen ich es in jungen Jahren so lange hinausgezögert habe, bis es sie nicht mehr gab.

Wir spielen in einer Daily Soap.

Ich twittere täglich. Ich blogge wöchentlich. Ich chatte mein halbes Leben und dennoch frage ich mich an Tagen wie heute plötzlich: Was hat das Internet aus unserer Privatsphäre gemacht? Sind wir nun alle zu Voyeuren geworden? Unfreiwillig? Freiwillig?

Zufällig habe ich mitbekommen, dass Freunde von mir auf Facebook untereinander nicht mehr befreundet sind. Weil eine Geburtstagseinladung eintrudelte und einer von ihren unerwartet auf der Gästeliste fehlte. Und wie die Neugierde zeigte, nicht nur dort. Früher hätte man das erst auf der Feier selbst mitbekommen. Oder man wäre voll ins Fettnäpfchen gelatscht, weil man denjenigen gefragt hätte, ob er sich am Geschenk beteiligen möchte. Heute weiß irgendwie jeder ein bisschen Bescheid, doch nie etwas genaues.

Den Begriff „Freunde“ benutzt Facebook seit Beginn an inflationär. Mit dieser Aussage erfinde ich das Rad nicht neu. Ein Freund ist fast jeder, der mir mal irgendwann auf irgendeiner Party ein Kotelett an die Backe laberte. Es bedeutet, dass ich dulde, dass diese Person bei mir mitliest. Jemanden wieder zu entfreunden kann im besten Fall bedeuten, dass man gerade seine Freundesliste ausmistet. Dass man Diskobekannschaften und die Haustiere der Geschwister seiner Schulfreunde zu den Akten legt. Oder aber es ist ein ziemlich eindeutiges „Hau ab aus meinem Leben“. Denn mein Leben geht an jetzt nichts mehr an.

Aus diesem Grund finde ich auch die öffentlichen Beziehungsstatusse ganz skurril. Klar, das 79. „Freut mich für euch!“ ist eine tolle Sache, aber was ist, wenns in die Brüche geht? Möchte ich wirklich allen Freunden, Bekannten, Kotelett-an-die-Backe-Rednern und meiner Mutter(!) ganz beiläufig mitteilen, dass ich gerade vor einem Scherbenhaufen sitze? Gejammert wird doch nur über Twitter oder beim Bier, Facebook ist oberflächlicher Quatsch.

Und trotzdem kann auch ich nicht anders und muss in diesen Momenten mal eben schnell nachlesen. Nachlesen, ob es öffentlichen Streit gab. Seit wann das schon so sein könnte. Ob da noch mehr Leute drin hängen. Wir die Zuschauer einer Seifenoper wollen wir keine Folge verpassen, wollen Intrigen, Sex und Tränen live miterleben. Erving Goffman schrieb: „Wir alle spielen Theater.“ Tagein, tagaus hangeln wir uns von einer Rolle zur nächsten. Er hätte es wohl niemals für möglich gehalten, wie groß unser Publikum einmal sein wird.