rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.

Denkt an die Elektrolyte!

Me­xi­ka­ner, der (Substantiv, maskulin): Einwohnerbezeichnung zu Mexiko… Moment, falsch. Unser Mexikaner kommt ursprünglich aus Hamburg und ist ein feurig-pfeffriges Schnäpschen auf Tomatenbasis. In Bielefeld ein absolutes Muss, wenn man sich mal in den Heimat+Hafen oder ins Plan B verläuft. Protipp: Niemals im Gegenüber trinken, die brauen den aus dem Zeug, das ihr Hipsterklientel zuvor aus dem Kugellager ihrer Longboards puhlte.

Es gibt im Internet unzählige Rezepte und fast genauso viele Varianten: Ob mit Korn, Vodka oder Tequila, mit oder ohne O-Saft, ob auf Basis von passierten Tomaten oder doch nur mit Tomatensaft. Ich habe einige Zeit in die Recherche investiert, bis ich ein Rezept fand, das in etwa so klang, wie mein geliebter Elektrolytelieferant in den beiden Stammkneipen schmeckt. Abgeschmeckt und leicht abgewandelt wurde er am Wochenende unter Kenner verköstigt und mit deren Feedback kam nun das als vorläufiger Favorit dabei heraus:

Annas Mexikaner 1.0

0,7 l Korn
1,3 l Tomatensaft
1,0 l passierte Tomaten
1 Flasche Sangrita Pikant
35 ml Tabasco
1 / 3 Tube Tomatenmark

3 EL Zucker
70 ml Zitronensaft
2 – 3 EL Salz
3 – 4 EL Pfeffer (grob gemahlen)

Die Zubereitung ist denkbar einfach:  Alles in eine große (Salat-)Schüssel geben und gut verrühren. Danach muss die Mischung unbedingt über Nacht kalt stehen, bevor sie abgeschmeckt werden kann. Klingt komisch, aber ohne durchgezogen zu sein, schmeckt man nur Korn und Tabasco heraus. Und probiert ruhig aus einem Pinnchen und nicht vom Löffel, die Schärfe kommt so ganz anders durch und man kann die Konsistenz besser abschätzen.

Mexikaner DeluxeBielefelder Mexikaner ist übrigens deutlich dickflüssiger als das Originalgesöff aus Hamburg und wer es ganz dekadent mag, serviert ihn als Mexikaner Deluxe mit Nacho und 1-2 Scheiben Jalapeño on top.

 

My life is bitter, but it’s also sweet.

Diese Überschrift wird Ihnen präsentiert von MxPx mit Stay On Your Feet. Und was kann sweeter sein als feinster Live-Punkrock? Richtig: Nichts. Bier trinken, mitgröhlen, rumwippen und dem echten Leben für ein paar Stunden den Mittelfinger zeigen. Nachdem dieser ätzende, konzertarme Winter nun endlich vorbei war, ging es in den letzten Tagen plötzlich Schlag auf Schlag: Social Distortion, Against Me! und Millencolin. Drei Knallerbands in 2 1/2 Wochen. So zumindest die Erwartungen und die wurden mehr als erfüllt.

Social Distortion – 18. April, Bielefeld

Wenn Mike Ness und seine Truppe in die Stadt kommen, dann muss man da hingehen. Auch wenn einem der Ticketpreis Tränen in die Augen treibt. Denn was der alte Mann da auf der Bühne abzog, davon kann sich so mancher Mini-Punkrocker eine ordentliche Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal drängel ich definitiv näher ran. So war es sehr gute Musik mit weniger gutem Bier, aber für das richtige Konzertfeeling muss ich doch weiter rein in den Pulk. Soviel vorweg: Das ist mir nur 6 Tage später auf jeden Fall gelungen. Und jeder einzelne Euro war an diesem Abend gut investiert, denn die Altmeister Social D muss man als Punkrock-Fan mindestens einmal gesehen haben.
DSC_1040

Against Me! – 24. April, Hannover

Was macht man, wenn der einzige freie Platz im komplett ausverkauften Faust mitten vor der Sängerin ist, ohne Absperrgitter und Bühnengraben? Ganz genau, man freut sich ’nen Ast ab und gibt alles. Bei Against Me! überhaupt kein Problem, da bleibt keiner lange mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich habe es noch nie erlebt, dass neue Songs einer Band so dermaßen gefeiert wurden, aber das aktuelle Album „Transgender Dysphoria Blues“ scheint die Ausnahme von jeder denkbaren Regel zu sein.

Natürlich waren auch die wichtigen Klassiker dabei, wie „Don’t Lose Touch“, „Trash Unreal“ und mein vergleichweise junger Liebling „“I Was a Teenage Anarchist“. Natürlich sind es immer diese Abende, an denen man während der letzten Zugabe fluchtartig das Gebäude verlassen muss, weil die Bahn leider keine Rücksicht auf arme Konzertbesucher nimmt. Saftladen. Egal. Mein Fazit: Saugeil und ich freue mich wie Bolle auf eine Wiedersehen auf dem Serengeti.
DSC_000031DSC_0013DSC_0015

Millencolin – 04. Mai, Köln

Millencolin haben mich eigentlich gar nicht interessiert. Dieser ganze Skatepunk war nie so wirklich meine favorisierte Musikrichtung, mittlerweile nähern wir uns aber ganz vorsichtig immer mehr an. Jedenfalls musste ich sowieso für eine Nacht nach Köln, hatte keine Lust mit meinem Kollegen rumzuhängen und wenn so eine Band quasi direkt vor der Hotelzimmertür aufspielt: Warum nicht?

Um es kurz zu machen und mich selbst zu zitieren: Sie schafften es von „kann man mal mitnehmen“ zu „meine Fresse, sind die geil!“ in drei Songs. Das Publikum gab alles und zog 75 Minuten lang konsequent den Circle Pit durch. Ich habe es leider versäumt, den Gitarristen hinterher für zuhause einzupacken, aber dann mache ich das halt beim nächsten Mail. Und ich habe die Befürchtung, dass mich dieser Skatepunk mit 15 Jahren Verspätung doch noch kriegt.
DSC_000027

Gesamtfazit: Gebt mir mehr davon!

Ei, Ei, Ei…

Gerade am Ende eines Telefonats mit einem mir bis dato völlig fremden Vertriebler:

„Frohe Ostern. Freuen Sie sich schon auf’s Eierverstecken?“

„Ja, sehr.“

„Das ist schön. Für Ihre Kinder? Sie haben doch bestimmt Kinder.“

„Nein.“

„Ach, für den Liebsten?“

„Nein. Für mich.“

„Wie?“

„Naja, ich verstecke die morgens um 6. Da kann ich mir eh noch nichts merken*. Danach werde ich mich noch mal 4-5 Stunden hinlegen und irgendwann mittags mein Osterkörbchen mit lauter Überraschungen füllen.“

*bin ich hoffentlich noch betrunken

„Oh… äh… das klingt schön. Viel Spaß dabei.“

Unterschwelliges, unangebrachtes Mitleid. Nicht schwingt schöner mit und beschleunigt so sehr meinen Reflex, den Telefonhörer mit Schmackes auf die Gabel zu knallen. Ich werde den Ostersonntag auf dem Sofa verbringen, Schokoladeneier inhalieren und niemand kann mich davon abhalten. Kein Freund, dessen Eltern spontan zum Mittagessen einladen. Oder noch schlimmer: Spontan vorbeikommen („Ist 11:30 Uhr ok für euch? Wir haben die Jacken schon an.“). Meinen Kindern werde ich später eventuell erzählen, dass sie an Ostern die Süßigkeiten verstecken müssen und Mami sie suchen darf. Und behalten. So ist der Plan.

Vielleicht blogge ich hier in zehn Jahren aber auch über meine beiden kleinen Stöpsel, die den Schoko-Osterhasen bis zu den Ohren im Gesicht verteilt haben (so wie Mami wahrscheinlich auch). Vielleicht bin ich dann gerade auf dem Sprung zum Osterbrunch bei einer anderen Familie mit zwei weiteren kleinen Stöpseln, noch mehr Kalorien auf dem Tisch und Deko-Eiern im Vorgarten. Spießer-Anna Galore. Vielleicht. Vielleicht stolpere ich aber auch in zehn Jahren noch am Osterwochenende nachts aus der Kneipe, in der ich mal wieder einen wunderbaren Abend mit der Nicht-Familie verbracht habe.

Und mit dieser Vorstellung im Kopf vergesse ich jetzt einfach die unüberlegten Äußerungen eines Fremden und freue mich schon mal präventiv auf ein langes, freies Osterwochenende.

 

Honolulu Figure Skating Team 1964.

Untereinander gesetzt und mit einer kleinen typographischen Standard-Spielerei würde diese Sinnlosigkeit in der Überschrift sofort bei Abercrombie oder Hollister in den Druck gehen. Weil offensichtlich sehr vielen Menschen sehr egal ist, was sie für eine Botschaft auf der Brust offen vor sich her tragen. Sicherlich, mit dieser Erkenntnis erfinde ich gerade das Rad nicht neu. Daher als kleiner, visueller Einstieg ein wunderbaren Beitrag von Mirko Podkowik, falls ihn jemand tatsächlich noch nicht gesehen haben sollte.

 

In diesem Filmchen werden nur Durchschnittstypen aus Düsseldorf befragt. Nun könnte man meinen, dass das durchaus auch an der Stadt liegen könnte oder an der gezielten Auswahl eines gewissen Stereotyps. Andere Menschen, die gerne die persönliche Meinung nach außen tragen, total (mit langem A) aufgeklärt sind und/oder sehr viel Wert auf Design legen, werden schon wissen, was sie sich da morgens überstreifen. Nope. Falsch. *Zonkgeräusch*. Selbiges Spiel wurde auf der letzten Republica wiederholt und das Ergebnis war nicht weniger erschreckend.

Wieso ich das jetzt wieder aufwärme? Weil ich am Wochenende seit Ewigkeiten mal wieder in Genuss des Party-Publikums im Ringlokschuppen kam. Die letzten Male ging’s immer nur im Forum auf die Piste und da trägt man gewöhnlich 50 Shades of Schwarz. Oder ein Bandshirt. In schwarz. Viel größer ist der Spielraum dann aber auch schon nicht mehr. Blendet man nun an einem gewöhnlichen Abend im „Schuppen“ mal die 519 Personen im identischen Karohemd sowie die h&m-Glitzertops aus, so bleibt noch etwa ein Drittel mit einem flotten Spruch auf dem T-Shirt.

Sicherlich gibt es Menschen, die New York wirklich lieben. Die den Tag tatsächlich nutzen wollen und die auch an jedem anderen Tag des Jahres auf die Rolling Stones oder Nirvana stehen. Ja, auch ich nenne 2-3 Shirts mit Aufdruck von der Stange mein Eigen. Aber da steht sicherlich nirgendwo Miami State University 1996 drauf. Oder I ♡ Tokio. Man zieht doch auch kein Fußballtrikot an, weil man die Farben so schön findet.

Ich habe jetzt einfach mal eine große Klappe und behaupte, dass ich immer weiß, welches T-Shirt ich gerade trage. Das könnte eventuell daran liegen, dass ich einen kleinen T-Shirt-Fimmel habe, aber was soll ich sagen, ich bin halt eine Fashionista. Wer etwas mit Aufdruck anzieht, der gibt damit ein Statement ab. Egal ob sein Gegenüber daraus den Lieblingsverein erkennt, den Musikgeschmack oder mit welcher Art Humor man bei der Person rechnen muss. Auch ich geriet in jungen Jahren 1-2 mal in die missliche Lage, dass mich ein ganz pfiffiger Kopf fragte, welchen Sinn denn der Spruch auf meinem T-Shirt machen würde. Und Achtung, nun folgt ein mir persönlich recht peinliches Geständnis:  In den Tiefen meines Kleiderschranks gibt es tatsächlich ein Top, auf dem in großen, geschwungenen, roten Buchstaben True Love steht. Jawohl.

In den Zeiten des Online-Handels muss aber nun wirklich niemand mehr irgendwelche sinnentleerten T-Shirts tragen, nur weil er sonst nichts passendes findet. Es gibt so viele tolle Seiten, über die man Arbeiten von talentierte, jungen Designern bekommt. Threadless zum Beispiel, als erste Anlaufstelle für die Nerds unter uns. Oder Society6, bei denen ich während der nächsten Worldwide-free-Shipping-Aktion wohl mal wieder ordentlich zuschlagen werde. In Bielefeld selber gibt es gerade in den Seitenstraßen der Altstadt ein paar bezahlbare Alternativen zu C&A und Co. Der Haken an der Sache? Ich habe schon an so manchem freien Tag noch vor dem Aufstehen ein neues Shirt geordert. Da weiß ich dann auch ganz sicher, was vorne drauf steht.

Tschüss, Sommer! Auf bald.

In die Kneipe gehen, um Freunde sehen zu können oder Freunde sehen, um in die Kneipe gehen zu können? Wenn die Grenzen verschwimmen, wird Herbst.

Das Schöne am Herbst: Man kann Eintöpfe kochen, ohne dafür kritisch gemustert zu werden. Und ich als Kind des Sauerlands finde Spaziergänge über zugelaubte Waldwege eigentlich sogar sehr schön. Auch wenn ich letztes Jahr dabei beinahe von einem herabfallenden Ast erschlagen worden wäre. Aber mir fällt ja auch mitten auf der Downing Street eine Kastanie auf den Kopf. Sollte irgendwann einmal der Himmel runterkommen, fängt er garantiert zuallererst über mir an zu bröckeln.

Aber der Herbst ist auch son bisschen der Sonntag unter den Jahrezeiten. Gedanklich hängt man noch an Frühling und Sommer und man weiß genau, dass der Winter schon auf der Matte steht und den Finger auf der Klingel hat. Der garstige Montagbisfreitag des Jahres.

Zum Glück stehen jetzt schon ein paar Konzerte vor Beginn der Weihnachtszeit auf dem Plan. Vielleicht noch ein paar Tage Urlaub. Sonst bräuchte ich wahrscheinlich schon bald wieder eine Arschtrittmaschine, um nach Feierabend in die Gänge zu kommen.

Der Herbst

Im Herbst bei kaltem Wetter
fallen vom Baum die Blätter –
Donnerwetter.

Im Frühjahr dann
Sind sie wieder dran
Sieh mal an.

(Heinz Erhardt)

Dumme Fragen.

Wie sagt man so schön: „Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten.“ Was für ein Blödsinn. Natürlich gibt es saudämliche Fragen. „Ist Butter pflanzliches Fett?“ Klar, dafür werden Butterblumen von Hand bei Vollmond gemolken. Oder Menschen, die beim Filmgucken ständig nerven müssen: „Wer ist das? Was macht der da? Was kommt jetzt?“ Momentchen, ich les die Antworten schnell im Kaffeesatz nach.

Meine allerliebste Frage ist aber schon seit ein paar Monaten das allgegenwärtige „Warum hast du eigentlich keinen Freund?“. Interessanterweise fragen das genauso oft Männer, wie Frauen. Ist das Small Talk? Falls ja, wieso hat mir niemand Bescheid gesagt, dass man sowas heutzutage schon direkt nach den üblichen Kennenlernfloskeln fragen darf? Oder ist das verstecktes Interesse? Falls ja, wieso fragt man nicht stattdessen, wie es um ein gemeinsames Kaffeetrinken zu zweit gestellt wäre? Oder wird man jetzt schon so genau abgecheckt? Falls ja, wo bleibt denn da der Reiz des Kennenlernens, wenn man direkt Listen mit den Vor- und Nachteilen der Person zugesteckt bekommt? Und wieso fragen Frauen das auch? Aus Angst vor einer Männerdiebin? Oder sind die auf der Suche nach einer total genialen Antwort, die sie zukünftig selber benutzen können?

Sicherlich ist das irgendwie schon ein Kompliment. Aber das kann man doch auch eleganter lösen. Ich wüsste auch gar nicht, was eine gute Antwort auf diese Frage wäre. Ein simples Schulterzucken kommt komisch an. Eine zusammengestotterte Erklärung kann eigentlich nur überheblich klingen. Außer man möchte sich selbst direkt am Anfang schon bloßstellen und seine Schwächen offenbaren. Vielleicht reagiere ich demnächst auch einfach mit „Ich habe ehrlich auf die Frage geantwortet, warum ich eigentlich keinen Freund habe“.

In der Champions League.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Am Freitag unterbreitete man mir auf dem BiBloStati, dem Bielefelder Blogger-Stammtisch, ich hätte mich mittlerweile für das Champions-League-Finale der biertrinkenden Siggisitzer qualifiziert. Der Siggi, eigentlich Siegfriedplatz, ist tatsächlich seit dem letzten Sommer so etwas wie ein zweites Wohnzimmer geworden. Einzugsdatum 27. Juli 2013. Das ist noch gar nicht so lange her und seitdem gehört da natürlich auch das ein oder andere Siggibier mit dazu.

Die „Auszeichnung“ kam von jemandem, der mich überwiegend vom Stammtisch und durch meine Tweets kennt. Und da könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, dass Biertrinken mein größtes Hobby wäre. Ich war auch noch nie zuvor so regelmäßig in Kneipen, dass man dort schon beim Reinkommen meine Bestellung weiß. Oder mich plötzlich an anderen Orten wiedererkennt und grüßt. Dabei habe ich noch vor einem Jahr eine Zeit gehabt, in der ich sehr selten ausgegangen bin und dann auch nie auf mehr als allerhöchstens drei oder vier Bier. Davor teilte ich mir noch Sixpacks und davor gab es hauptsächlich Mischbier. Also ganz, ganz, ganz früher.

Mittlerweile komme ich damit nicht mehr aus. Ich mag Bier und wenn man etwas mag, muss man ja nicht gleich nach der zweiten Flasche aufhören. Aber ich betrinke mich nicht. Ich bin von Natur aus ein beinahe übertrieben kontrollierter Mensch und ich mag es überhaupt gar nicht, wenn mir auffällt, dass ich mich beim Sprechen konzentrieren muss. Das ist dann für mich der Moment, um die Reißleine zu ziehen.

Oh Gott, nun packt sie die Moralpredigt raus… Nein, keine Sorge, kein Weibsvolk bei der Steinigung. Das soll jeder so handhaben, wie er es für richtig hält, denn das mache ich schließlich auch nicht anders. Ein Feierabendbier alleine auf dem Sofa ist sicherlich nicht die ideale Form der Stressbewältigung. Und mit dicken Socken passt mir der Schuh des Wochenendalkoholikers irgendwie auch. Nur dass ich meistens bereits deutlich früher ins Bett falle, als das bei dem bloggenden Mitstreiter der Fall ist. Aber mal unter uns Gebetsschwestern: Ruhige Kneipenabende oder in geselliger Runde auf dem Siggi zu versacken… das macht halt auch einfach Spaß. Ergänzung: Und ein bisschen stolz bin ich auf den Status als Titelanwärter auch. Er ist auch echt hart erkämpft.

Ce sont les meilleurs. Sie sind die Besten. These are the champions.
Die Meister. Die Besten. Les grandes équipes. The champions.

Ich will doch nur nach Hause.

Ich werde generell selten von Männern angesprochen, wenn ich unterwegs bin. Das könnte möglicherweise daran liegen, dass ich meistens mit Männern unterwegs bin. Wobei ein flirtwilliger Mann viel mehr Angst vor einem Rudel Frauen haben sollte. Denn wenn bei denen jemand durch’s Raster fällt… eieiei. Junge, geh in Deckung. Dabei beiße ich gar nicht. Ich bin da mehr der Igel-Typ. Entweder fluchtartig unter einem Blätterhaufen verschwinden oder, wenn gerade mal kein Blätterhaufen in der Nähe ist, einrollen und ausharren bis die Gefahr vorbei ist.

Aber so alle 2 bis 3 Monate schaffe ich es tatsächlich, dass mich nachts auf dem Nachhauseweg noch jemand anquatscht. Da kommen tatsächlich Menschen um 5 Uhr nachts aus der Disko und haben nichts besseres zu tun, als mich zu fragen, ob ich noch mitkomme. Ehrlich jetzt? Wer die ganze Nacht in Lokalitäten wie dem Café Europa oder dem Stadtpalais ausgehalten und es dennoch nicht geschafft hat, dass irgend so ein Püppchen mit nach Hause kommt, der soll gefälligst auch akzeptieren, dass er in dieser Nacht eben die Taschentücher mit ans Bett nehmen muss.

Erschreckend ist auch die Vorstellung, dass ich tatsächlich ins Beuteschema eines solchen Vogels passen könnte. 20-jähriger Düsseldorfer Möchtegern-Checker und Clubgänger ist von meinem jedenfalls mindestens genauso weit weg wie ein Olaf Schubert. Mindestens. In so einem Moment hoffe ich dann wirklich, nur eine Notlösung zu sein. Alles andere ließe mein Selbstbild fluchtartig in den nächsten Blätterhaufen abtauchen.