rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

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Die Liga der Immer-Zuletzt-Gewählten.

Die Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden, weil die unsportlichen Kinder dort gehänselt und gedemütigt würden. Zugegeben, die Story ist nach zwei Wochen im Internet bereits ein alter Hut, aber die „Gegenpetition“ von Jan Weiler lässt mich nun doch noch fix ein paar Sätze in die Tastatur hauen.  Ich finde, das steht mir zu, denn rückblickend betrachtet könnte ich sehr wohl als Expertin für Unsportlichkeit am Sonntag auf einem der Jauch’schen Drehstühle sitzen.

Dreizehn Jahre Schulsport, dreizehn Jahre Kapitänin des Teams der Immer-Zuletzt-Gewählten. Als solche wurde ich eigentlich jede einzelne Woche des Schuljahrs dreimal 45 Minuten lang gedemütigt. Dabei war ich gar nicht die allerunsportlichste in der Klasse, aber eben das dicke, rothaarige, unbeliebte Mädchen. Dieses Gefühl, wenn jeder einzelne bereits in ein Team gewählt, man als Letzte übrig bleibt und es dann nicht einmal mehr für nötig gehalten wird, noch den Namen zu sagen: Das ist schlimm. Weil es nämlich jeder unter Garantie mitkriegt.

Ich kann beispielsweise überhaupt nicht springen. Weder über Kästen und Böcke, noch Latten, noch in die Weite in den Sand. Aber beim Weitsprung merkt es keiner, wenn man komplett versagt. Außer den beiden ebenso unsportlichen Mitschülern mit Maßband und Harke, die im Gegensatz zu mir aber entweder irgendwo ein Attest ausgegraben oder einfach den Turnbeutel vergessen haben. Die Glücklichen. Es wird aber garantiert jeder mitbekommen, wenn man auch nach 257 Versuchen in dreizehn Jahren immer noch nicht auf den Kasten aufhocken kann. Das ist übrigens bereits in der Grundschule die Übung für einen Gnadenpunkt.

Wenn man Woche für Woche beim Basketball nicht einen Ball bekommt, wenn man sich zitternd an den Schwebebalken klammert oder wie ein nasser Sack an den Ringen hängt, dann hinterlässt das viel tiefere Spuren als der eine Vormittag auf dem Sportplatz. Während dort nämlich große Gruppen unmotivierter Schüler jeden Alters zeitgleich um den Platz schlendern, gibt es in jeder Sporthalle grundsätzlich nur ein Seil, um das alle herum versammelt werden, wenn der Sportlehrer sagt: „Anna, jetzt du.“ Und ich war froh, wenn ich überhaupt mit beiden Füßen auf den Knoten kam. Die Grundidee dahinter muss noch so ein Überbleibsel aus 1939 sein.

Aber Achtung, jetzt kommt der völlig überraschende Turning-Point: Ich bin pro Bundesjugendspiele und pro Schulsport. Bei den Bundesjugendspielen gilt: Hauptsache kein Mathe. 90% der Zeit steht man doch eh irgendwo an oder sitzt am Rand und nach der fünften Stunde ist dann auch schon Schluss. Hurra!

Und irgendwie war es auch gut, dass man mich in der Schule zu mehr Bewegung genötigt hat, körperlich hat es mir jedenfalls nicht geschadet. Ich habe später sogar freiwillig in der Oberstufe den jungenlastigen Kurs mit viel Leichtathletik und Ballsport gewählt. Denn überraschenderweise kann ich recht gut und auch recht lange im Kreis laufen und Bälle über Netze kloppen. Ein bisschen anstrengen und die Sache mit Humor nehmen, dann klappt’s auch mit den Mitschülern. Denn wenn die strohdoofe Sportskanone im Gegenzug jede Woche vor versammelter Mannschaft an der Tafel bloßgestellt wird, fordert dessen Mutter auch nicht plötzlich die Abschaffung des Matheunterrichts. Auch wenn ich diese Petition vielleicht unterstützt hätte.