Seid spendabel.

Über die letzten Wochen konnte ich dabei zusehen, wie Freunde und Bekannte haufenweise Spielzeug, Klamotten und Haushaltszubehör in die Bielefelder Flüchtlingsunterkünfte schafften. Danke euch! Mittlerweile ist der Hype zwar etwas abgeflacht, aber da wird sicher noch mal einiges nachkommen. Jedoch nicht von mir, das gebe ich jetzt hier ganz offen zu. Ich besitze nur zwei Winterjacken, acht Teller und drei Töpfe und auch mein Kontostand lässt leider eher selten eine gute Tat zu. Mein Gewissen beschwert sich da auch lautstark, aber aktuell ist bei mir wirklich nichts zu holen.

Allerdings ich bin anders spendabel. Als ich an meinem 18. Geburtstag meinen Führerschein in die Hand nahm, unterschrieb ich kurz danach auch direkt meinen ersten Organspendeausweis. Schließlich wollte ich von diesem Tag an fast täglich mit dem Motorrad durch die Sauerländer Berge brettern und falls ich dann mal in irgendeiner Leitplanke hängen bleibe, sollte davon wenigstens irgendjemand profitieren. Für mich ist dieser Ausweis eine Selbstverständlichkeit. Kein Arzt wird dir schneller der Saft abdrehen, nur weil du Organspender bist. Kein Käfer wird sich nach deinem Tod beschweren, dass er nicht mehr an deiner Leber naschen darf. Falls also tatsächlich nach meinem Ableben noch irgendwer Verwendung für mein Innenleben hat: Hier Selbstbedienung.

Das kleine Kärtchen gibt es übrigens online (u.a. unter www.organspende-info.de). Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In der Uni Bielefeld lag zu meiner Zeit auch immer ein Stapel auf der Flur vor dem Studio von Radio Hertz aus. Die Sache ist nicht bindend, wer irgendwann Muffensausen bekommt, nimmt die Erklärung einfach wieder aus seinem Portemonnaie heraus und darf danach in Ruhe einen vollkommen sinnlosen Tod sterben.

Natürlich kann man auch schon zu Lebzeiten sinnvolle Dinge mit seinem organischen Material anstellen. Beispielsweise sich als Stammzellenspender bei der DKMS registrieren lassen. Ich bin mittlerweile seit zehn Jahren in der Kartei, damals gab es eine große Typisierungsaktion im Nachbarort. Bislang wurde ich noch nicht gebraucht, aber falls ich irgendwann mal etwas gegen die große Arschlochkrankheit Krebs machen kann, dann tue ich das doch gerne. In 80% der Fälle reicht mittlerweile übrigens eine Stammzellenspende über das Blut, die operative Entnahme von Knochenmark ist relativ selten geworden. Ach ja: Fortschritt und Aufklärung sei Dank dürfen seit Dezember 2014 sogar Homosexuelle in die Kartei aufgenommen werden.

Fehlt nur noch, dass es bei den Blutspendediensten nun auch endlich Klick macht.

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Ode an die Armbanduhr.

Tick, tock, goes the clock, she cradled and she rocked her.
Tick, tock, goes the clock, even for Miss Cover…

Seit Samstag steht meine Armbanduhr mal wieder bzw. sie liegt nun nutzlos im Bad herum und es macht mich gelinde gesagt wahnsinnig. Die Uhr ist bestimmt schon vierzehn Jahre alt, hat dieses Jahr schon das dritte Paar Batterien gefressen und wahrscheinlich sollte ich sie langsam mal in Rente schicken. Also muss dringend eine neue Uhr her, denn ohne kann ich nicht. Wer mich kennt, den mag das wundern. Gefühlt habe ich schließlich sowieso ständig mein Handy in der Hand. In der Realität aber nicht.

Spielen wir einmal meinen Tag durch. Ich werde wach, gucke aufs Handy und stelle fest, dass ich wie üblich verschlafen habe. Ich eile ins Bad. Im Bad liegt die Armbanduhr über dem Waschbecken und zeigt mahnend und unerbittlich die Uhrzeit an. Das Handy müsste ich jedes Mal in die Hand nehmen, den Bildschirm aktivieren und danach die drei Schichten Zahnpasta-Makeup-Lidschatten wieder abwischen. Mal abgesehen davon, dass auf der Ablage sowieso jeder Zentimeter belegt ist und das Handy wahrscheinlich auf dem Spülkasten liegen müsste. Nicht ganz ungefährlich.

Ich flitze nun also zur Bahn, noch später als sonst, weil ich die Zeit nicht im Blick hatte. Draußen sind es 7 Grad, weshalb ich als Frau natürlich mindestens fünf Schichten Kleidung trage und ganz unter drunter ist das Handy. In der Hosentasche, an das kurze Kopfhörerkabel gekettet und gut verpackt. Um im Gehen einen Blick darauf zu werfen, stranguliere ich mich also beinahe, lege kurzzeitig meine Nieren frei und lasse das Gerät mit kalten Fingern wahrscheinlich auch noch fast fallen. Für den Blick auf die Armbanduhr reicht ein kurzer Griff an den Ärmel.

Weiter gehts. Irgendwie habe ich es gerade noch rechtzeitig ins Meeting geschafft. Weil es total schnell gehen musste, sitze ich dort ohne Kaffee und somit auf heißen Kohlen. Das Handy liegt aus Höflichkeit am Platz, es steht kein Laptopbildschirm im Sichtfeld und die Armbanduhr tragenden Herren verdecken diese im Herbst natürlich geschickt mit ihren Hemdärmeln. Nach der Uhrzeit zu fragen, geht auch nicht, denn dann wird einem sofort fehlende Motivation unterstellt. Trüge ich eine Armbanduhr, könnte ich ein nachdenkliches Am-Kopf-Kratzen imitieren und dabei einen verstohlenen Blick riskieren. Plötzlich kommen mir 30 Minuten wie eine Ewigkeit vor, schließlich könnte ja auch tatsächlich schon eine solche vergangen sein.

11 Uhr morgens und die fehlende Armbanduhr hat mich bereits mindestens dreimal an diesem Tag verrückt gemacht. Es mag die Gewohnheit sein, wenn man seine allererste Uhr bereits im Kindergarten bekam und seitdem nie ohne das Haus verlassen hat. Das war damals so eine richtig coole erste Uhr mit Flik und Flak als Zeigern. Keine Sorge, die gibt es nicht in meiner Größe. Aber auch wenn ich damit total old school klinge, mein Handy wird zwar über kurz oder lang den kompletten Jackentascheninhalt bis auf die Tempos ersetzen, aber meine Armbanduhr, die bleibt.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Geburtstage sind fürn Arsch.

Ich bin schon undankbar. Während das Handy im Wechsel grün, rot und blau blinkt, Menschen versuchen mich anzurufen und mir einfach nur gratulieren wollen, sitze ich zusammengekauert auf dem Sofa und schreibe einen Blogeintrag, wie furchtbar das doch alles ist.

Früher konnte man sich noch weitestgehend unbemerkt durch den Tag mogeln. Die besten Freunde wünschten einem unauffällig alles Liebe, das war gut und damit hatte sich die Sache. Heute weiß dank Social Media jeder sofort, wann man sich mal wieder eine besonders kreative Umschreibung für „Glückwunsch!“ ausdenken muss. Der Tag hat wunderschön zu werden, man solle ihn genießen und so weiter und so fort. Jetzt mal ehrlich: Ist das bei euch wirklich so?

Ich habe heute ausnahmsweise mal an meinem Geburtstag frei. Und das eigentlich auch nur, weil ich Resturlaub loswerden muss. Denn anders als vor zwanzig Jahren kommt niemand zum Topfschlagen, dem Schokoladenwettessen oder der Schnitzeljagd vorbei. Dafür stehen aber auch keine Verwandten auf der Matte. Wenn ich so darüber nachdenke, ist das eigentlich ganz gut. Ok, damals waren wenigstens die Geschenke ganz geil. Aber was bringt einem das neue Fahrrad, wenn man eh zuhause bleiben muss, weil „Omma und Oppa gleich bestimmt noch anrufen“? Voll unfair.

Morgen wären da dann noch die Kollegen auf der Arbeit. Wo man sich wieder völlig irritiert gegenüber steht und nicht weiß, ob man sich umarmen muss oder doch einfach nur die Hand geben darf. Wahrscheinlich werde ich aber sowieso aus der Stadt gejagt, weil ich es nicht einsehe, in einer Woche zweimal Frühstück mitzubringen. Ganz genau, richtig gehört: Ich wäre für das leibliche Wohl der anderen zuständig. Da hat man Geburtstag, soll sich ausdrücklichst erholen, Carpe diem und so… und nebenher noch zwei Kuchen und einen Schnittchen für zwanzig Mann machen.

Und der wichtigste Punkt: Ich stehe schlicht und einfach ungerne im Mittelpunkt. Morgen will dann auch wieder jeder Wissen, was ich heute so getrieben habe. Nunja: Es ist nach 19 Uhr, ich trug heute noch keine Hose und ich habe nicht vor, daran noch etwas zu ändern. Vielleicht überlege ich mir dafür noch schnell zwanzig verschiedene Geschichten, vom Baggerfahrerführerschein bis zum Wildwasserrafting auf der Ems.

Jetzt dürft ihr mich alle hassen. Müsst ihr aber nicht.

Das Zeitalter der Internetrentner.

Früher traf man Rentner vor Ententeichen, an Supermarktkassen und beim Verfassen von Leserbriefen. Heute füttern sie das Internet mit ihrer Meinung, bestellen in Onlineshops via Postkarte und schreiben ihre Beschwerden direkt auf die Pinnwände der Lokalblättchen. Doch auch da mag es unterschiedliche Nutzertypen geben und seitdem meine eigenen Eltern unter die Rentner gegangen sind, eignen diese sich ganz hervorragend als Beobachtungsobjekte.

Mein Vater, Jahrgang ’49, ist durch und durch der pragmatische Nutzertyp. Fünf Kontakte im Handy (einer davon – und dennoch nie auffindbar – die eigene Nummer) und ständig ist das Gerät verbummelt. Früher hatte er sogar eine Textvorlage für seine Antwort-SMS mit einem simplen „OK.“. Ich wüsste nicht, dass er mir jemals etwas anderes geschrieben hätte. Fand ich als Teenie auch äußerst praktisch, schließlich hat er so nie widersprochen. Der PC wird nur im äußersten Notfall eingeschaltet und wenn er dann keine Office-Anwendung öffnet, ist er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der Suche nach einem Routenplaner. Dessen Anweisungen er natürlich handschriftlich notiert und prinzipiell anzweifelt.

Meine Mutter, Jahrgang ’57, ist da das komplette Gegenteil. Seitdem sie 1999 ihr erstes Siemens C25 in Händen hielt, wird alles aus den Geräten herausgeholt. Also alles, was Spaß macht, laut ist und möglichst vielen Mitmenschen auf die Nerven fällt. Lustige Klingeltöne, Spiele aller Art und über die schlimmsten TV-Formate der Privatsender tauscht sie sich parallel mit einem ehemaligen Kollegen via SMS aus.

Ihre Internetkarriere begann als sie neugierig meine eBay-Aktivitäten beäugte. Seitdem wird bei jedem Utensil genauestens recherchiert, ob es das dort nicht vielleicht doch noch mal günstiger gibt. Irgendwo muss da ein Schotte in den Genen versteckt sein. Oder ein Schwabe. Jedenfalls habe ich irgendwann nachgegeben und ihr meinen Account aus frühen Teenagertagen vererbt, den ich anlegte, als im Hintergrund „Mr. Sexpistols“ von den Ärzten lief. Seitdem ist die endfünfziger Frührentnerin dort als ladypunk unterwegs. Und das ist ja auch irgendwie Punk.

Den aktuellen Höhepunkt erreichte die Sache mit der Anschaffung des ersten eigenen Smartphones vor einem Jahr. Die Anschaffung wurde natürlich exakt mit meinem Heimaturlaub abgestimmt, damit es mir übers Wochenende bloß nicht langweilig wird. An diesem Tag wurde ich – das Reisegepäck noch in der Hand – mit „Hier ist das Ding und nun installier mir da mal dieses WhatsApp drauf“ begrüßt. Ja, sie liebt mich wohl. Nach anfänglicher Panik kann ich sagen, dass mir so bislang rund 37 Kontrollanrufe erspart geblieben sind. Ein Hoch auf das Smartphone! Und wenn sie mich bei Facebook weiterhin so interessiert verfolgt, bekomme ich vielleicht sogar zu Weihnachten den gewünschten Entzug in der Betty-Ford-Klinik spendiert.

Ich bin gespannt, wie das bei mir in einigen Jahren aussehen wird. Wenn die Bielefelder Twitteria erst einmal einen kompletten Straßenzug im Westen eingenommen hat, um dort von Montag bis Samstag im Schichtbetrieb zu fensterrentnern. Unfälle landen dann live auf dem aktuell hippen Videoportal und jeder witzige Gedanke wird in Echtzeit über unsere Hirnströme gebloggt, getwittert und verfacebookt. Mit Foto, Link und Personenmarkierung. Tinder braucht dann auch kein Mensch mehr, schließlich gibt es ja die alten Besserwisser aus der Stapenhorststraße, die ganz genau wissen, wer zu wem am besten passt. Und das eisgekühlte Bier wird per Drohne direkt bis zum Rollator geliefert. So wärs perfekt.

Die Liga der Immer-Zuletzt-Gewählten.

Die Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden, weil die unsportlichen Kinder dort gehänselt und gedemütigt würden. Zugegeben, die Story ist nach zwei Wochen im Internet bereits ein alter Hut, aber die „Gegenpetition“ von Jan Weiler lässt mich nun doch noch fix ein paar Sätze in die Tastatur hauen.  Ich finde, das steht mir zu, denn rückblickend betrachtet könnte ich sehr wohl als Expertin für Unsportlichkeit am Sonntag auf einem der Jauch’schen Drehstühle sitzen.

Dreizehn Jahre Schulsport, dreizehn Jahre Kapitänin des Teams der Immer-Zuletzt-Gewählten. Als solche wurde ich eigentlich jede einzelne Woche des Schuljahrs dreimal 45 Minuten lang gedemütigt. Dabei war ich gar nicht die allerunsportlichste in der Klasse, aber eben das dicke, rothaarige, unbeliebte Mädchen. Dieses Gefühl, wenn jeder einzelne bereits in ein Team gewählt, man als Letzte übrig bleibt und es dann nicht einmal mehr für nötig gehalten wird, noch den Namen zu sagen: Das ist schlimm. Weil es nämlich jeder unter Garantie mitkriegt.

Ich kann beispielsweise überhaupt nicht springen. Weder über Kästen und Böcke, noch Latten, noch in die Weite in den Sand. Aber beim Weitsprung merkt es keiner, wenn man komplett versagt. Außer den beiden ebenso unsportlichen Mitschülern mit Maßband und Harke, die im Gegensatz zu mir aber entweder irgendwo ein Attest ausgegraben oder einfach den Turnbeutel vergessen haben. Die Glücklichen. Es wird aber garantiert jeder mitbekommen, wenn man auch nach 257 Versuchen in dreizehn Jahren immer noch nicht auf den Kasten aufhocken kann. Das ist übrigens bereits in der Grundschule die Übung für einen Gnadenpunkt.

Wenn man Woche für Woche beim Basketball nicht einen Ball bekommt, wenn man sich zitternd an den Schwebebalken klammert oder wie ein nasser Sack an den Ringen hängt, dann hinterlässt das viel tiefere Spuren als der eine Vormittag auf dem Sportplatz. Während dort nämlich große Gruppen unmotivierter Schüler jeden Alters zeitgleich um den Platz schlendern, gibt es in jeder Sporthalle grundsätzlich nur ein Seil, um das alle herum versammelt werden, wenn der Sportlehrer sagt: „Anna, jetzt du.“ Und ich war froh, wenn ich überhaupt mit beiden Füßen auf den Knoten kam. Die Grundidee dahinter muss noch so ein Überbleibsel aus 1939 sein.

Aber Achtung, jetzt kommt der völlig überraschende Turning-Point: Ich bin pro Bundesjugendspiele und pro Schulsport. Bei den Bundesjugendspielen gilt: Hauptsache kein Mathe. 90% der Zeit steht man doch eh irgendwo an oder sitzt am Rand und nach der fünften Stunde ist dann auch schon Schluss. Hurra!

Und irgendwie war es auch gut, dass man mich in der Schule zu mehr Bewegung genötigt hat, körperlich hat es mir jedenfalls nicht geschadet. Ich habe später sogar freiwillig in der Oberstufe den jungenlastigen Kurs mit viel Leichtathletik und Ballsport gewählt. Denn überraschenderweise kann ich recht gut und auch recht lange im Kreis laufen und Bälle über Netze kloppen. Ein bisschen anstrengen und die Sache mit Humor nehmen, dann klappt’s auch mit den Mitschülern. Denn wenn die strohdoofe Sportskanone im Gegenzug jede Woche vor versammelter Mannschaft an der Tafel bloßgestellt wird, fordert dessen Mutter auch nicht plötzlich die Abschaffung des Matheunterrichts. Auch wenn ich diese Petition vielleicht unterstützt hätte.

Oh…

„Oh…“, sagte sie. Meine Therapeutin. Bei der ich sitze, weil sich mein Kopf immer das allerfurchtbarste ausmalt bei der Frage, was mein Gegenüber gerade über mich denkt. „Oh…“.  Ich sagte ihr, dass mein Kopf das immer tut und sie sagt „Oh…“. Und mein Kopf übersetzt es mit „Du lieber Himmel, das arme Mädchen, das ist nichts mehr zu machen“. Das ist natürlich Blödsinn, aber mein Kopf ist da sehr stur in seinen Ansichten.

Ich riss zum Therapiebeginn die Klappe sehr weit auf. Vier Wochen später war der Spuk dann aber auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig. Aber ich kann nicht 50 Minuten lang zwischen Büchern, Salzkristallen und Traumfängern sitzen und im kleinsten Detail ausleuchten, wieso ich am St. Nimmerleinstag lieber alleine Mittagessen wollte statt mit den Kollegen. Um dann am Ende zu hören, dass ich mich da nicht so abkapseln soll. Nee, so nicht. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich weiß ganz genau, wie ich mich da anschließlich könnte. Ich will nur manchmal einfach lieber alleine sein.

Tja nun, vielleicht halte ich das nächste Mal einfach die Finger still, denn einen neuen Versuch wird es irgendwann geben. Und dann behalte ich es möglicherweise erst einmal für mich, bis es das erste Mal „Klick“ gemacht hat. Oder „Peng“. But there’s one sound that no one knows: What does the brain say? „Ring-ding-ding-ding-dingeringeding…“ Oder so ähnlich. Manchmal klingt es ja tatsächlich so.

Atheisten sind dumm. Christen aber auch.

Ich hatte hier ja schon Weihnachten mein Coming-out, als ich zugab, kein richtiger Atheist zu sein. Noch hat mich keine Freakshow angeheuert, aber ich rechne quasi minütlich damit abtransportiert zu werden. Allerdings habe ich für mich auch noch ein 11. Gebot: Du musst noch so viel Restverstand behalten, dass du es checkst, wenn deine Glaubensrichtung Unsinn verzapft.

Aktueller Fall auf Spiegel Online: Religionsstreit an bayerischer Schule: „Atheisten sind dumm“. Ok, Punkt 1: Dass das gerade wieder in Bayern passiert, wundert nun wirklich niemanden mehr. Punkt 2: Stimmt, es gibt wirklich saublöde Menschen, die noch dazu Atheisten sind. Aber definitiv nicht alle. Konkret geht es dort mal wieder um einen Schulleiter, der seinen Schülern und am besten noch dem gesamten Kollegium und allen Eltern seinen eigenen, katholischen Glauben als das Maß aller Dinge aufzwingen will. Inklusive Gebet im Unterricht („Lieber Gott, falls das mit den Dinos und der Evolution eine Lüge ist, lass bitte dieses Biobuch in Flammen aufgehen, sonst muss ich es gleich wieder selber verbrennen.“) und Segnungen Abtrünniger in der Fastenzeit („Dieser Lolli ist des Teufels!“). Und wer nicht an den lieben Gott glauben und sich nicht durch Jesus vor der ewigen Verdammnis retten lassen will, der ist halt dumm.

Das kann man gerne glauben, wenn man möchte. Solange man damit niemandem auf die Nerven fällt. Das ist wie mit Veganern: Mir doch egal, was du isst oder – viel mehr – nicht isst, aber erzähl mir bitte nicht ständig davon. Danke. Leider gibt es haufenweise Christen, die anderen in einer Tour ihre ganz persönliche Lebenseinstellung vor die Nase halten müssen. Ich will das aber alles gar nicht wissen. Wenn jemand vor der Ehe keinen Sex haben möchte, dann ist das seine Sache. Wenn jemand vor dem Essen beten möchte, dann ist das seine Sache. Und wenn du freitags Fisch essen möchtest, dann lass mich gefälligst auch mal beißen.

Aber genauso wie nicht jeder Atheist zwangsläufig mit minderer Intelligenz gesegnet ist, so ist auch nicht jeder Gläubige aus Prinzip dämlich. Niemand muss verstehen können, wieso jemand anderes an ein höheres Wesen glaubt. Das verstehe ich ja selbst nicht, auch wenn ich mich die meiste Zeit zu diesen Bekloppten dazuzählen würde. Vielleicht ist bei diesen Leute irgendeine Gehirngegend anders verkabelt. Aber deshalb kann man ja dennoch ein ansonsten normal denkender und toleranter Mensch sein. Wer als Atheist das verleugnet, ist dumm.

Ja, die im Vatikan spinnen. Das Ergebnis der Volksabstimmung als „Niederlage für die Menschheit“ zu betiteln, ist einfach nur widerlich. Dabei geht nur leider vollkommen unter, dass sich der Standpunkt der evangelische Kirche in Deutschland zum Thema Familie und Homosexualität hingegen in den letzten 15 Jahren so stark gewandelt hat, dass seit 2013 feste Partnerschaften aller Art als gleichwertig betrachtet werden sollen. Auch die zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau. Ob mit oder ohne Trauschein. Wer den Segen der evangelischen Kirche möchte, der soll ihn bekommen. So steht es zumindest in dem sogenannten Familienpapier „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Das muss leider nicht bedeuten, dass das jeder evangelische Pastor und seine Schäfchen genauso sehen. Aber es zeigt zumindest, dass auch nicht alle Christen dumm und weltfremd sind.

Coverriculum Vitae.

Eure gute Cover ist kein Bewerbungsguru. Nee nee. Neeeee. Gott bewahre. Aber wenn ich mir mal überlege, wie oft ich in den letzte neun Jahren (Abi 2006 – 13 Jahre Warten auf Freitag) meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert habe, dann wird mir schon ein bisschen schwindelig. Und es ist vollkommen egal, ob man sich zuletzt vor zwei Minuten, zwei Monaten oder vor zwanzig Jahren irgendwo beworben hat: Das Zeug muss immer noch einmal komplett auseinander genommen werden.

Jedes. Verdammte. Mal.

Schritt 1: Wo war denn nur der Lebenslauf?

Am einfachsten wäre es ja, wenn man seinen alten Lebenslauf einfach nur noch mal fix aufpolieren müsste. Aber der ist unter Garantie nicht auffindbar. Verschickt, abgespeichert, schnell ’ne Tasse Kaffee geholt und weg ist das Ding. Pfutschikato. Läuft wahrscheinlich mit der verschollen geglaubten zweiten Socke händchenhaltend in den Sonnenuntergang.

Schritt 2: Finde heraus, als was du gerade arbeitest

Man verbringt so um die 225 Tage im Jahr auf der Arbeit, acht Stunden am Tag und das in meinem Fall seit drei Jahren. Und nun soll die Quintessenz dieser Rolle als AvD in drei bis fünf Zeilen passen. Manchmal wäre ich in solchen Momenten gerne auf dem Bau beschäftigt: Hallo, ich bin Baggerfahrer und kann Bagger fahren und ganz, ganz tiefe Löcher baggern.

Schritt 3: Formatiere dich um den Verstand

Egal was du tust, der Lebenslauf wird immer zwei Zeilen zu lang sein, um auf eine Seite zu passen. Während man im Studium immer schön die Ränder und Zeilenabstände so eingestellt hat, dass aus sieben Seiten Text die geforderten fünfzehn wurden, muss man dieses wertvolle Können nun andersherum unter Beweis stellen. Achtung: Dies rechtfertigt dann auch ein „fortgeschritten“ hinter der Frage nach den Office-Kenntnissen.

Schritt 4: Einmal recht freundlich

Natürlich darf ein Bewerbungsfoto bei der ganzen Sachen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Niemals. Das wäre ja vollkommen ungerecht und ganz und gar oberflächlich. Pfui. Aufschrei. Aber irgendwie kann man es den Personalern auch nicht verübeln, wenn die zumindest einen ersten Eindruck haben möchten. Da ist es übrigens unfassbar hilfreich, wenn man mal fix die Mutter aus der besten Aufnahme des Familienshootings herausretuschieren kann. Denn wie wusste die schon stets besser zu wissen: Das Leben ist für die beschissen, die sich nicht zu helfen wissen.

Schritt 5: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Was zur Hölle zeichnet mich eigentlich aus? Teamgeist? Schnelle Auffassungsgabe? Ehrgeiz? Alles Floskeln. Es wird niemand in seine Bewerbung schreiben, dass er Menschen total kacke findet und seine Arbeitszeit auf Twitter verbringt. Also wenn ich’s mir recht überlege… beim Kinderturnen würde ich durchaus durch eine ganz passable Rolle vorwärts positiv hervorstechen. Und ich kann die Zunge rollen. Naja, zur Hälfte. Ich kann außerdem recht gut backen. Das könnte beim potentiellen neuen Chef schon eher ziehen. Der Rest wird halt aus der Annonce abgeschrieben, die müssen schließlich wissen, wie ich sein soll.

Schritt 6: Kill your darlings

Interessiert die das alles jetzt wirklich? Beim letzten Mal war doch noch das superduperdolle Masterstudium das Argument für alles und nun hat sich das ganz hinten auf den Lebenslauf verkrümelt. Ich soll mit meinen 28 Lenzen ja sowieso bereits 29 Jahre Praxiserfahrung verweisen können und dann darf das Anschreiben auch so aussehen. Das teure Studium verkriecht sich zur Grundschule auf die Reservebank und Hobbys hat man ja eh schon seit Jahren keine mehr.

Schritt 7: Äh, wohin eigentlich?

Also idealerweise kommt Schritt 7 natürlich ganz am Anfang, aber das hätte den Spannungsbogen zerstört. Aber es ist auch ein ganz wichtiger Gedanke für die Individualisierung des Anschreibens, denn jede Firma möchte ganz gerne glauben, dass man sich nur bei ihnen beworben hat. Weil sie so unfassbar toll sind und so sympathisch rüberkommen und die Produkte einfach weltklasse sind und man von der nächsten Klippe springen wird, wenn sie einen nicht nehmen. Zum Glück sind Klippen in Bielefeld eher Mangelware.

Schritt 8: Wer hat denn den Kappes verzapft?!

Korrekturlesen. Ganz, ganz, ganz wichtig. Am besten lässt man wirklich noch mal jemanden draufgucken. Denn spätestens nach dem dritten Satz wird einem schlagartig bewusst, dass man sämtliche Grammatikkenntnisse gleich zu Beginn verloren hat. Zusammen mit der aktuellsten Version vom Lebenslauf.

Schritt 9: Abschicken \o/

Es ist vollbracht! Leicht geflickt, ein bisschen angsteinflößend und mit wenig Hirn, aber Frankensteins Monster hat es ja auch irgendwie durch den ersten Testlauf geschafft. Nun muss man es nur noch hinbekommen, die ganzen Unterlagen auch dem richtigen Empfänger zuzuordnen, damit man  am Ende nicht doch noch mit Mistgabeln und Fackeln durchs Dorf getrieben wird. Bei Bewerbungen in ostwestfälischen Randgebieten (Dornberg, Verl, Borgholzhausen) nicht ganz unwahrscheinlich.

Schritt 10: Das Land verlassen /o\

Es ist ganz egal, wie gründlich man war. Egal wie oft man noch einmal drübergelesen hat, wie oft man jede Zahl kontrolliert hat: Irgendeinen saublöden Fehler übersieht man immer. Jedes. Verdammte. Mal. Neulich hatte ich sogar mal einen Zahlendreher in der Handynummer, zum Glück nur auf einer Seite. Aber scheiß der Hund drauf: Den anderen Bewerbern ergeht es doch auch nicht anders.

Just a spoonful of sugar helps the medicine go down.

In ev’ry job that must be done
There is an element of fun
You find the fun and snap!
The job’s a game

Mary Poppins hatte gut reden. Wenn Leergut und Altglas mit einem Fingerschnipp aus der Tür marschieren würden, würde ich auch den ganzen Tag nur noch aufräumen. Ach was: Ich würde mir den Hut des Zauberlehrlings aufsetzen und die komplette Stadt aufräumen. Mit etwas Glück dackeln Faschos, CDU-Wähler und die ganze restliche, intolerante Deppenschaft da auch direkt den anderen Flaschen hinterher.

fantasia

Aber leider geht das nicht so einfach. Als ich im November 2012 endlich in meine erste eigene Singlewohnung zog, dachte ich noch: „Geil, kaum noch putzen!“ Denn wenn nur noch eine Person das Bad benutzt und nicht mehr vier, dann muss es doch auch viermal so lange sauber bleiben, richtig? Simpler Dreisatz. Hmmm. Tja. Falsch gedacht. Schnell durchgewischt, zur Tür raus und in dem Moment erbricht sich wahrscheinlich der Kosmetikeimer einmal quer durch den Raum. Anders kann ich mir den Reset in den ungeputzten Zustand innerhalb von Minuten nicht erklären.

Dabei bin ich beileibe kein Pingel. Bis vor wenigen Jahren war der Fußboden in meinem Zimmer immer noch mein eigener, begehbarer Kleiderschrank. Naja, „begehbar“. Ich muss mich nur in meiner Wohnung wohlfühlen und Unordnung drückt mir da mittlerweile auf die Stimmung. Der Haken an der Sache: Sauber machen ist auch nicht besser. Hauselfen, Heinzelmännchen, Herren mit Putzfimmel… warum verirrt sich nicht mal einer hierhin? Und wenn sich dann auch noch die Eltern angekündigt haben, wird’s echt stressig. Schaffe ich es in den nächsten zwei Wochen noch mal zum Pfandautomaten oder sollte ich die Flaschen einfach im Kleiderschrank verstecken? Das Bad putzen oder direkt fluten? Oder vielleicht doch eine Musterwohnung anmieten und mit den Leuten auf den Stockfotos prahlen?